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Martin kritisiert die Kälte des Kommunismus als Gegensatz zu den „elemen-
taren Regungen der Seele“. Er will der Ideologie, die konstatiert, dass „Liebesglück
und Todestrauer nur dem Satten, nur dem Besitzenden zugänglich sind“ und „einem
klassenbewußten Proletarier nichts bedeuten“ (ZB 58) dürfen, nicht so recht trau-
en. Somit ist Martin als Figur das genaue Gegenteil der Heldenfiguren der pro-
letarischen Literatur der 1920er-Jahre, die Michael Rohrwasser untersucht hat.
Diese ordnen sich im Sinne der „klassenspezifischen Einschätzung“ den Not-
wendigkeiten unter, wobei die nüchterne Überlegung die Wahl der Mittel
bestimmt; der Held ist hier frei von Reaktionen, hat keine subjektiven Regun-
gen. Diejenigen Interessen, die für die Staatspolitik irrelevant sind und „‚unpro-
letarischen Charakter‘“ haben, wozu Nationalismus, Religion und auch Sexua-
lität gezählt wird, finden keinen Platz „in einer kommunistischen Strategie, die
Politik so zum Fetisch erhebt“.95 Martin vertritt dagegen ein ausgewogenes Ver-
hältnis zwischen den Sphären des Politischen und des Individuellen: „Körper-
lichkeit gehört zur Liebe, wie Politik zum Leben gehört. Aber wehe der Liebe, die
vom Bett abhängt.“ (ZB 60). Ein Rezensent hat Torbergs Konstruktion des indi-
viduellen Glückstrebens vor der Folie einer Diktatur kritisiert, denn es würde
nicht genügen, „einer großen Welt, wie sie irgendwie die kommunistische Wel-
tanschauung doch darstellt, eine kleine, die des eigenen Ichs und der eigenen
Liebe und der eigenen Freiheit“96 gegenüberzustellen.
Der Vollzug der Liebe zwischen Martin und Wera, die sich, bedingt durch
Martins Status als politischer Flüchtling und Weras Ehe, am Rande der Legalität
befindet, gestaltet sich schwierig. Dies wird von Martin explizit den politischen
Bedingungen zugeschrieben: „Wir sind ein normales Liebespaar und möchten
gerne eine Nacht für uns haben, eine ganze Nacht bis zum Morgen. Das ist ein
vollkommen normaler Wunsch. Und daß es nach vollkommenem Irrsinn aus-
sieht, ihn erfüllen zu wollen: das liegt nicht an uns und soll uns nicht hindern.“
(ZB 183)
Martins Verstecks, „diese[s] trostlose[…] Loch“, will ihm nicht „zu einer gan-
zen Nacht mit Wera taugen“ (ZB 293), und der Schutz der Dunkelheit während
einer Kinovorstellung, hätte sich früher, wie Martin feststellt, nicht mit seiner
„Menschenwürde“ vertragen, da es ihm „feig und verlogen“, noch dazu „banal“
vorgekommen wäre, „[a]lso doppelt unwürdig“ (ZB 186). Durch seinen Wider-
Sperber fest, den Sachverhalt folgendermaßen zusammenfassend: „Stalins Verrat am Antifa-
schismus befreite mich und viele andere endgültig von der letzten Hypothek, die uns noch an
den verrotteten Kommunismus gebunden hatte.“ Manès Sperber: Bis man mir Scherben auf
die Augen legt. In: Ders.: All das Vergangene. Wien, München: Europa 1983, S. 798.
95 Michael Rohrwasser: Saubere Mädel – Starke Genossen. Proletarische Massenliteratur? 2.
Aufl.
Frankfurt/M.: Roter Stern 1975, S. 26.
96 Georg J. Strangfeld SJ.: Sinnlose Tragödie? Zwei Romane und eine Novelle von Friedrich Tor-
berg. In: Die Furche, 3.4.1954. Liebe zwischen Ost und West 131
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918