Seite - 134 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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Einige Menschen glauben wirklich, daß das Wort ‚Totalitarismus‘ nichts anderes
sei als einfach eine verbale Neuprägung für den Begriff der politischen Diktatur.
In Wahrheit ist dieses Wort deswegen neu, weil es eine neue Wirklichkeit bezeich-
net. […] Eine totalitäre Diktatur […] entscheidet über das Leben der Staatsbürger
in allen seinen Aspekten, auch in jenen, die mit der Politik nichts mehr zu tun
haben, wie Religion, Wissenschaft, Philosophie, Kunst, Volkssitten.6
Viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller fassten die totalitäre Bedrohung in
bildkräftige Allegorien, um die Auswirkungen eines solchen Systems auf die
Menschen darzustellen: Albert Camus’ Theaterstück L’état de siège, 1948,7 ver-
wendet das Bild des Belagerungszustandes, ebenso sein Roman Die Pest (La pes-
te, 1947). In George Orwells Animal Farm (1945) wird das sowjetische System
in einer Tierfabel verschlüsselt und der „Führer aller Zeiten und Völker“, Josef
Stalin, als Berkshire-Schwein allegorisch dargestellt. Eugene Ionesco griff in Die
Nashörner (Rhinocéros, 1959) auf Dickhäuter zurück, die als einheitliche, alles
zertrampelnde Masse auftreten, die sich nicht mehr artikulieren kann, um die
Auswirkungen des totalitären Regimes auf die Menschen symbolisch zu veran-
schaulichen. Die fiktionalen Texte, in denen ehemalige KP-Mitglieder die Partei
und ihren Dogmatismus kritisieren, wie z.B. Manès Sperbers Romantrilogie Wie
eine Träne im Ozean (1949–1960), den Arthur Koestler „die Saga der Komin-
tern“8 nannte, und der selbst mit Darkness at Noon (1941, dt. 1946 u.d.T. Son-
nenfinsternis) einen kritischen Text über die Schauprozesse der 1930er-Jahre in
Moskau geliefert hatte, rekurrieren meist auf autobiographische Erfahrungen.9
Die literarischen Werke der sogenannten Renegaten, die Vergleiche zwischen
Faschismus und Kommunismus zogen, können als „literarische Totalitarismus-
6 Ignazio Silone: Über die Verantwortung des Schriftstellers. In: Forvm 2 (1955) H.
19/20, Juli/
August, S. 265–268, hier S. 266.
7 Hans Heinz Hahnl unterstreicht in einer Besprechung von Camus’ Theaterstück Der Belage-
rungszustand, dass dieser zwei politische Fronten beziehe: „gegen den totalitären Herrschafts-
anspruch der Diktatur und gegen die Verlogenheit der hergebrachten Regierungsform. Sagen
wir es mit den Schlagwörtern der Gegenwart: er ist gegen den Bolschewismus und gegen den
Kapitalismus“. Hans Heinz Hahnl: Verzweiflung, echt oder gemimt? [„Belagerungszustand“].
In: Die Schau. Halbmonatsschrift für Kultur, Kunst und Politik 1 (1953) H. 8, S. 14.
8 Arthur Koestler: Demi-vierges und gefallene Engel. Der gefährliche Flirt mit dem Totalitaris-
mus. In: Der Monat 2 (1949) 11, S. 119–121, hier S. 120.
9 Manès Sperber fasst die ideologische Komponente seines Romans folgendermaßen zusammen:
„Ein junger Mann und die Partei. Im Grunde mit allen den Stationen von der ersten blinden
Begeisterung bis zum Bruch, zur Leere, wie sie auch eine tragische Liebesgeschichte enthält.
[…] Ich habe von einem schändlich Betrogenen berichtet. Aber dieser schändlich Betrogene
hat an dem Betrug teilgenommen … Ich habe mitverraten. Und das ist ja das Drama. Man wird
aus der Verantwortung nicht entlassen.“ Siegfried Lenz: Gespräche mit Manès Sperber und
Leszek Kolakowski. München: dtv 1982, S. 61.
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134 4 Totalitarismus: die innere Geschichte des Kalten Krieges
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918