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theorien“ angesehen werden, die später „wegen ihres strikt antikommunistischen
Charakters zwar nicht vergessen, aber doch verdrängt“10 wurden.
Das Vorgehen der Stalinisten gegen die Anarchisten im Spanischen Bürger-
krieg, die entsetzten Berichte von einst linientreuen Marxisten wie Panaït Istra-
ti (1929) oder André Gide (1936) von ihren Sowjetunion-Reisen sowie die sich
verbreitenden Erzählungen von den Moskauer Schauprozessen wurden für Sper-
ber, Koestler und Orwell zum Auslöser für den Ablösungsprozess vom Kommu-
nismus. Die damit verbundene Geburt des Renegaten, der zu jener Gruppe von
Intellektuellen zählte, die sich enttäuscht vom „Gott der keiner war“ abwandte,
verband sich in den Zeitläufen des Kalten Krieges mit politischen Kontrover-
sen.11
Die wirkungsmächtigste Organisation der intellektuellen Gegner des Totali-
tarismus war der „Kongress für kulturelle Freiheit“ (CCF), der erstmals im Juni
1950 in Berlin stattfand und sich in der Folge als internationale Vereinigung
institutionalisierte.12 Ein Großteil der Teilnehmer war in nationalsozialistischen,
faschistischen oder stalinistischen Gefängnissen oder Lagern inhaftiert gewe-
sen, was den dominierenden, moralisch begründeten, leidenschaftlich vertrete-
nen Antitotalitarismus erklärt, der sich als Grundideologie des CCF durchsetz-
te. Das Manifest des CCF beschrieb die „Theorie und Praxis“ des totalitären
Staates als die „größte Bedrohung […], der sich der Mensch in seiner überschau-
baren Geschichte bisher gegenübergesehen hat“.13 Das Manifest, das in der Tra-
dition der US-amerikanischen Bill of Rights von 1789 stand, fasst als Zentrum
die „Freiheitsideale in allen denkbaren Variationen“ und vertrat einen „weithin
konsensfähigen, individualistisch-aufgeklärten Antikommunismus“14. Der CCF
strebte die geistige Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Totalitaris-
10 Wolfgang Wippermann: Totalitarismustheorien. Die Entwicklung der Diskussion von den
Anfängen bis heute. Darmstadt: Primus 1997, S. 5.
11 Die „God-That-Failed“-Gruppe meinte diejenigen Intellektuellen, die vom Kommunismus
desillusioniert waren oder sich noch nicht für eine Seite im Kalten Krieg entschieden hatten
und in ihrer Entscheidung von renommierten Kollegen beeinflusst werden konnten. Die Antho-
logie The God that failed (1952), herausgegeben vom britischen Sozialdemokraten Richard
Crossman, galt als „antikommunistisches Manifest“. Das Buch wurde von amerikanischen
Regierungsstellen in ganz Europa verbreitet. Vgl. Rohrwasser: Der Stalinismus und die Rene-
gaten, S. 12; Ernst-August Roloff: Exkommunisten. Abtrünnige des Weltkommunismus. Ihr
Leben und ihr Bruch mit der Partei in Selbstdarstellungen. Mainz: Hase & Koehler Verl. 1969.
12 Vgl. Peter Coleman: The Liberal Conspiracy. The Congress for Cultural Freedom and the Strug-
gle for the Mind of Postwar Europe. New York, London: Macmillan 1989, S. 9.
13 Vgl. Michael Hochgeschwender: Freiheit in der Offensive. Der Kongreß für kulturelle Freiheit
und die Deutschen. München: Oldenbourg 1998, S. 242 f. Die Wiener Arbeiter-Zeitung
druckte das Manifest ab, vgl. N.N.: Das Manifest von Berlin. In: Arbeiter-Zeitung 5.7.1950,
S. 4.
14 Hochgeschwender: Freiheit in der Offensive, S. 243. Totalitarismus – Antitotalitarismus 135
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918