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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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obwohl im Text selbst eher der Publizist Torberg vernehmbar ist.32 Seine litera- rische Totalitarismustheorie ergibt sich aus der Struktur des Romans und erstreckt sich über die darin verstreuten Notizen von Martin Dub. Dessen Kritik am Tota- litarismus umfasst den Expansionismus der Sowjetunion (vgl. ZB 89), die kom- munistische Begrifflichkeit, die einen ständigen Widerspruch in sich selbst erzeugt (ebd.), die Unmenschlichkeit des Systems sowie die Instrumentalisierung des Intellektuellen, der von der kommunistischen Propagandamaschinerie verein- nahmt wird. „Willkür“ und „Gewaltherrschaft“ sind für Dub die äußersten Kenn- zeichen des totalitären Systems. Als der Außenminister der Tschechoslowakei Jan Masaryk 1948 nach der kommunistischen Machtübernahme unter damals ungeklärten Umständen umgebracht wird, vermerkt Dub sarkastisch: „Ein neu- er Tag ist angebrochen. Die Zeiten der Willkür und der Gewaltherrschaft sind vor- bei. Es lebe die Freiheit.“ (ZB 14) Dass Torbergs Roman eine „Embryonalform der Totalitarismustheorie“33 enthält, verbindet ihn mit den Romanen der „berüchtigten“ Renegaten Koestler, Sperber und Silone, die bereits Jahre vor Die zweite Begegnung erschienen. Das betrifft vor allem die hartnäckige Parallelisierung der nationalsozialistischen mit der kommunistischen Diktatur. Diese Parallelisierung ist nicht genuin eine Zuschreibung, die erst in den Zeitläufen des Kalten Krieges beginnt, sondern findet sich bereits in den 1930er-Jahren. In dem berühmten „Brief nach Mos- kau“ vom 30.  August 1936 an die Redaktion der von Bertolt Brecht, Willi Bredel und Lion Feuchtwanger herausgegebenen Exilzeitschrift Das Wort, geschrie- ben im Lichte der Moskauer Schauprozesse und der stalinistischen Säuberun- gen, formulierte Ignazio Silone seine Weigerung „ein Fascist zu werden, und wenn es auch ein roter Fascist wäre“.34 Die zwei Variablen „Rot“ und „Braun“ der politischen Gleichung der 1930er-Jahre, die die Zeitgenossen vor ein „Ent- weder – Oder“ stellten, wechselten im Kalten Krieg ihren semantischen und ideologischen Wert und führten verschiedene politisch-ideologische Gruppen 32 William S. Schlamm kritisierte u. a. die mangelnde Überzeugungskraft in der politischen Ent- wicklung von Dub, denn „beide, Verstand und Erfahrung, treten aus dem Buch heraus, weil sie vorher in es eingetreten waren. Sie haben sich nicht in ihm entwickelt. Sie gehören dem Autor und nicht dem Helden.“ Er warf Torberg vor, es sich zu leicht gemacht zu haben und den politischen Duktus einfach übergepfropft zu haben: „Deinem Roman Vollendung zu geben, hättest Du Dir’s bloß zwei- bis dreitausendmal schwerer machen müssen.“ William Schlamm an Friedrich Torberg, Brief v. 1.9.1950, zit. n. Tichy: Friedrich Torberg, S.  175  f. 33 Wolfgang Kraushaar: Sich aufs Eis wagen. Plädoyer für eine Auseinandersetzung mit der Tota- litarismustheorie. In: Eckhard Jesse (Hg.): Totalitarismus im 20.  Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung. 2.  erw. u. akt. Aufl. Baden-Baden: Nomos 1999, S.  487–504, hier S.  495. 34 Ignazio Silone: Brief nach Moskau, 30.8.1936, zit. n. Michael Rohrwasser: Totalitarismuskritik und Renegatenliteratur. In: Alfons Söllner, Ralf Walkenhaus, Karin Wieland (Hg.): Totalitarismus. Eine Ideengeschichte des 20  Jahrhunderts. Berlin: Akademie Verl. 1997, S.  105–116, hier S.  108. Darstellungsformen des Totalitarismus 143
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
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