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mittels des vereinigenden Konzepts des Totalitarismus zusammen. Wie Rabin-
bach ausführt, verdunkelte der Begriff „die moralischen und politischen Ambi-
valenzen“ und war in seiner praktischen Anwendung insbesondere dazu geeig-
net, „alle möglichen politischen Orientierungen zu überbrücken“,35 selbst
ehemalige Nationalsozialisten, die als Antibolschewisten leicht in die Riege der
Antikommunisten wechseln konnten.
Dass Torberg die konsolidierende Funktion, die dem Begriff zu eigen war,
durchschaute, wird an einer Stelle von Die zweite Begegnung deutlich: Martin
konstatiert, dass sich „hinter den Fahnen des antikommunistischen Kreuzzuges
allerlei übles Gelichter“ (ZB 166) sammelt. Das „üble Gelichter“ impliziert die
ehemaligen Nationalsozialisten, denen die Totalitarismustheorie dazu diente,
sich „ohne große Schwierigkeiten an den Antitotalitarismus“36 zu assimilieren
und ihre eigene Verstrickung in ein Terrorregime zu verdecken. In diesem Kon-
text erwähnt sei der nationalsozialistische österreichische Schriftsteller Bruno
Brehm, der 1944 von Hitler in die „Gottbegnadeten-Liste“ aufgenommen wor-
den war und dessen Werk sich nach 1945 auf der „Verbotsliste“ der US-ameri-
kanischen Besatzungsmacht befand. Brehm konnte sich jedoch in der Zweiten
Republik bald wieder im Literaturbetrieb etablieren. In seinem Buch Am Rande
des Abgrunds (1950) beschreibt er die europäische Geschichte „von Lenin bis
Truman“, indem er zeitgeschichtliche Zusammenhänge nivelliert und den Wan-
del vom Antibolschewismus zum Antikommunismus vollzieht. Das „Geschichts-
werk“ erreichte bis 1952 die vierte Auflage und zitiert ausführlich aus antikom-
munistischen Broschüren, wie z.B. Dallins und Nikolaevskys Zwangsarbeit in
Sowjetrußland hinsichtlich einer „Analyse“ des sowjetischen Gulag-Systems. In
den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern versucht
Brehm hingegen, das „kleinere Übel“ zu sehen, was durch eine Chronologie des
Terrors gerechtfertigt werden soll:
Was ist nun das schlimmere Prinzip? Jeder mag es für sich entscheiden. Jedenfalls
sollten die Ankläger, die wegen der Verletzung der Menschenrechte aufstehen
und hinweisen auf die Rückschläge, die die zivilisierte Welt mit Aufkommen der
Konzentrationslager Hitlers erlebt hat, nicht eines vergessen: Hitler […] kam erst,
nachdem das mächtige Reich des sehr viel klügeren Stalin schon fünfzehn Jahre
bestand.37
35 Rabinbach: Begriffe aus dem Kalten Krieg, S. 15.
36 Ernst Hanisch: Die Präsenz des Dritten Reiches in der Zweiten Republik. In: Wolfgang Kos
(Hg.): Inventur 45/55. Österreich im ersten Jahrzehnt der Zweiten Republik. Wien: Sonderzahl
1996, S. 33–50, hier S. 41.
37 Bruno Brehm: Am Rande des Abgrunds. Von Lenin bis Truman. 4. Aufl. Graz, Göttingen: Sto-
cker Verl. 1952, S. 635.
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144 4 Totalitarismus: die innere Geschichte des Kalten Krieges
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918