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war die Inhaftierung seines Freundes, des Physikers Alexander Weißberg-Cy-
bulski in einem Moskauer Gefängnis.39 Koestler brachte jedoch zum Ausdruck,
dass er der Sowjetunion noch bis zum Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts gegen-
über loyal gewesen wäre:
Dieser Schwebezustand dauerte für mich bis zu jenem Tag, an dem zu Ehren Rib-
bentrops die Hakenkreuzfahne auf dem Moskauer Flugplatz gehisst wurde und
die Kapelle der Roten Armee das Horst-Wessel-Lied anstimmte. Damit war es
Schluß; von nun an war es mir wirklich egal, ob mich die neuen Verbündeten
Hitlers einen Konterrevolutionär schimpften.40
Während des Kalten Krieges verhielt es sich jedoch anders als Ende der 1930er-Jah-
re. In der österreichischen provisorischen Staatsregierung Karl Renners war
zunächst, aufgrund der Präsenz der Roten Armee, der Antifaschismus ein neu-
er Wert, der der Ideologie des Nationalsozialismus diametral entgegengesetzt
war. Die „fatale Logik des Entweder-Oder“ aus den 1930er-Jahren: „Wer gegen
den Nationalsozialismus ist, muß für die Sowjetunion sein“,41 setzte sich kurz-
fristig auch in Österreich durch. Jedoch wurde dieser antifaschistische bald durch
einen antikommunistischen Konsens ersetzt. (vgl. Kapitel 7)
Auch aus Martins, respektive Torbergs Perspektive, ist der Antifaschismus
vor 1945 der Antikommunismus nach 1945. Besonders deutlich wird dies in
einer Kontroverse zwischen Robert Neumann und Torberg, da Neumann einen
Vorabdruck von Auszügen seiner Broschüre über Hitlers „Endlösung der Juden-
frage“ mit dem Titel Ausflüchte unseres Gewissens im kommunistischen Tage-
buch erlaubte,42 was ihm Torberg zuerst ausreden wollte, danach heftig kriti-
sierte, Neumann sogar die langjährige Freundschaft aufkündigte. Torberg
39 Vgl. Michael Scammell: Koestler. The Indispensible Intellectual. London: Faber & Faber 2010,
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f. Auch für Sperber war die Gefangenschaft seiner Freunde und Bekannten in der Sow-
jetunion einer der Gründe für seinen Austritt aus der KP: „Solang diese Menschen, deren Leis-
tungen für diese S[owjet].U[nion]. vor nicht langer Zeit von kompetenten Stellen im höchsten
Maß anerkannt worden sind, nicht frei gelassen sind, solange die Unschuld dieser Menschen,
deren Freundschaft zu den wenigen Gütern gehört, die mir das Leben beschieden hat, nicht
eindeutig anerkannt ist, steht etwas zwischen mir und Euch, gibt es eine Vergiftung meiner
Gefühle für die S.U. […]“ Briefentwurf im Nachlass Sperbers, zit. n. Mirjana Stančić: Manès
Sperber. Leben und Werk. Frankfurt/M., Basel: Stroemfeld/Roter Stern 2003, S. 320.
40 Arthur Koestler, Ignazio Silone [u.a.]: Ein Gott, der keiner war. Arthur Koestler, André Gide,
Ignazio Silone, Louis Fischer, Richard Wright [und] Stephen Spender schildern ihren Weg zum
Kommunismus und ihre Abkehr. Zürich [u.a.]: Europa Verlag 1950, S. 71.
41 Hanisch: Die Präsenz des Dritten Reiches in der Zweiten Republik. In: Kos (Hg.): Inventur
45/55, S. 39.
42 Vgl. Robert Neumann: …
denn sie wußten, was sie taten. In: Tagebuch 16 (1961) H.
3, März,
S. 12.
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146 4 Totalitarismus: die innere Geschichte des Kalten Krieges
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918