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Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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muss sich selbst eingestehen, dass er sich in der Sowjetunion zwar „geräuschvoll als Anhänger des Regimes bekannt“ hätte, „aber nicht aus Lust“(HL 308). Die Idee, als Land des Exils Russland gewählt und dort Zuflucht vor dem Faschis- mus gesucht zu haben, erscheint ihm plötzlich „irrsinnig“ (ebd.). In Gefangen- schaft setzt Schindler sogar zu der ketzerischen Überlegung an, ob er unter den Nazis, die „bestimmt lohnendere Opfer“ als ihn, „den abgetakelten kleinen Sozi- aldemokraten“ gefunden hätten, überhaupt eingesperrt worden wäre: „Die hät- ten mir womöglich noch einen bescheidenen Posten angeboten in der Annah- me, daß ich als braver Volkswagensparer mit ihnen in die Zukunft marschieren würde. Und was weiß ich, vielleicht hätte ich es getan, so ausgehungert und ver- prügelt und verdrossen, wie ich war?“ (HL 307) Der polnisch-österreichische Physiker Alexander Weißberg-Cybulski, der am Physikalischen Institut in Charkow tätig war und 1937 wegen konterrevolutio- närer Tätigkeit und „Bucharinismus“ als Spion angeklagt wurde, schildert in Hexensabbat55 (1951) seine dreijährige Haft sowie die Verhöre in den sowjeti- schen Gefängnissen von Moskau, Charkow und Kiew. Obwohl er durch Wider- ruf seiner abgelegten Geständnisse einem definitiven Urteilsspruch entgehen konnte und 1940 an die Gestapo ausgeliefert wurde, spielten seine Schilderun- gen eine wichtige Rolle in der Charakterisierung des stalinistischen Terrorsys- tems. Weißberg-Cybulski sagte 1950 im von David Rousset angestrengten Pro- zess gegen Les Lettres françaises über die Existenz der Lager im Osten aus, wodurch das Lagersystem der Sowjetunion erstmals gründlicher beleuchtet wur- de.56 Ebenso wie die Vorwürfe und Anklagen gegen Weißberg-Cybulski, die suchungshäftling ein Geständnis der Spionage abzupressen“, und zitieren bezüglich der Opfer- selektion die russische Redensart: „Gib mir den Mann, ein Paragraph wird sich finden.“ In den Jahren 1937/38 lautete die Anklage gegen Ausländer in den meisten Fällen auf „Punkt  6“(„Spi- onage“) des „Artikels  58“ („konterrevolutionäre Verbrechen“) des sowjetischen Strafkodex. „Antisowjetische Propaganda“ stützte sich nicht selten auf Angaben Dritter, also Denunzierung durch Spitzel, Arbeitskollegen oder Nachbarn. Äußerungen, die von einem Witz über Stalin bis zur Kritik an der ökonomischen und sozialen Lebenswirklichkeit reichen konnten, führten zur Anklage.Vgl. Barry McLoughlin, Josef Vogl: „… Ein Paragraf wird sich finden.“ Gedenk- buch der österreichischen Stalin-Opfer (bis 1945). Wien: Dokumentationsarchiv des österrei- chischen Widerstandes 2013, S.  52, 55. 55 Alexander Weißberg-Cybulski: Hexensabbat. Die Gedankenpolizei – Die große Tschistka. 2.  gek. Aufl., Frankfurt/M.: Verlag d. Frankfurter Hefte 1951. Das Buch mit einem Vorwort von Arthur Koestler erschien in den 1990er-Jahren in einer gekürzten Ausgabe des Europa Verlags. Vgl. Alexander Weißberg-Cybulski: Im Verhör. Ein Überlebender der stalinistischen Säuberung berichtet. Wien, Zürich: Europa Verlag 1993. 56 Vgl. Georg Scheuer: Stalinismusrezeption in Frankreich 1948 bis 1956. In: Wolfgang Madert- haner, Hans Schafranek, Bertold Unfried (Hg.): „Ich habe den Tod verdient“. Schauprozesse und politische Verfolgung in Mittel- und Osteuropa 1945–1956. Wien: Verein für Gesellschafts- kritik 1991, S.  189–198, hier S.  192. Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR 152 4 Totalitarismus: die innere Geschichte des Kalten Krieges
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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