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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Seite - 153 -
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jeglichen konkreten Inhalts entbehrten und gegen die er sich zur Wehr setzte, sind auch die Anschuldigungen gegen Schindler bösartige Manipulationen. Der NKWD hat sich „eine komplette Geschichte“ für Schindler zurechtgelegt, die er durch Verhöre und psychologische Folter gestehen soll: „Die Nazis hatten mich in die Sowjetunion geschickt, ausgerechnet die. Ich sollte hier spionieren und Propaganda treiben, Nazipropaganda natürlich.“ (HL 315) Schindler realisiert, dass auch hier „die Hände der Mörder“ tätig sind: „Ich habe mir nie träumen lassen, wie gefährlich das Leben ist; das Leben in der Geborgenheit des Kollektivs“ (HL 317  f.). Nur durch Intervention der Familie Daschas kann er einem schlimmeren Schicksal entgehen, muss jedoch zur „Reha- bilitation“ ein halbes Jahr im Kusnezbecken im sibirischen Kemerowo Kohle schaufeln und wird nach Verbüßung dieser Strafe zur Arbeit bei einem Provinz- blatt nach Brjansk versetzt, wo er sich hinsichtlich politischer Aktivität zurück- hält (vgl. HL 325) und sich aus Enttäuschung allabendlich dem Alkohol ergibt: „Dieser Liter Wodka mußte mir alles ersetzen, was ich verloren hatte; ich glaub- te nicht daran, daß man mich noch einmal hochkommen lassen würde.“ (HL 326) Federmann lässt seinen Protagonisten die zentralen Elemente des totalitären Regimes erleben, die militarisierte Gesellschaft, die Pflicht zur permanenten gegenseitigen Bespitzelung, die Denunziationen, die ihn selbst zu einem Opfer der ubiquitären Feindsuche und der terroristischen Irrationalität werden lassen, die Gefängnisse aus dem Inneren sowie die Lager aus der Entfernung (siehe Kapitel  6). Ein wesentliches Instrument des totalitären Systems erkennt der Text in der omnipräsenten Mahnung zur „sozialistischen Wachsamkeit“57, die de facto einen Aufruf zur permanenten gegenseitigen Bespitzelung bedeutet, mit dem Ziel, möglichst alle in den Schuldzusammenhang von Lüge und Denunzi- ation zu verwickeln. Damit hebt sich Federmanns Das Himmelreich der Lügner von Torbergs antikommunistischer Textstrategie in Die zweite Begegnung deut- lich ab. In der Schilderung des stalinistischen Terrorsystems aus der Perspektive 57 Margarete Buber-Neumann bemerkt dazu: „Eine besondere Geißel jener Jahre war die Losung ‚Proletarische Wachsamkeit‘. Sie wurde von Stalin zur höchsten Tugend eines Sowjetbürgers erklärt; mit ihr trieb man jeden, dem seine Freiheit lieb war, dazu, seine Arbeitskollegen, seine Bekannten, ja selbst seine Freunde und Familienmitglieder zu bespitzeln.“ Margarete Buber-Neu- mann: Als Gefangene bei Stalin und Hitler: Mit einem Kapitel „Von Potsdam nach Moskau“. Stuttgart: Seewald 1982, S.  21; vgl. dazu auch Ernst Fischer: „Die Deformation des Bewußtseins durch einen permanenten atmosphärischen Druck ist fürchterlich. Auch die absurdesten Behaup- tungen, die verrücktesten Lügen beeinflussen, wenn sie Tag für Tag wiederholt werden, das Bewußtsein. […] Wachsamkeit! Seid ihr denn blind? Seht ihr den Feind nicht? Jeder kann ein Feind sein, es sei denn, du kennst ihn bis ins Verborgenste. Ein Wettbewerb der Wachsamkeit beginnt: Ihr habt noch keinen Feind entdeckt? Eure Organisation soll die einzige ohne Feind sein? Wie seltsam, wie verdächtig!“ Ernst Fischer: Erinnerungen und Reflexionen, S.  369. Darstellungsformen des Totalitarismus 153
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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