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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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zwei Mal betont wird (SM 7, 9), auf, und alles ist anders. Er ist in seiner vertrau- ten Welt ein Fremder geworden. An seinem Arbeitsplatz in der Zeitungsredak- tion sitzt ein Unbekannter, der Portier, der ihn jeden Morgen begrüßt, kennt ihn plötzlich nicht mehr, auch seine Sekretärin und sein Chefredakteur verhalten sich so, als ob sie ihn noch nie gesehen hätten. Glaubt er zuerst noch an einen Scherz, sucht nach plausiblen Erklärungen für das merkwürdige Geschehen – ganz wie Josef K. in Kafkas Prozess – so wird es vollends unheimlich, als ihn auch seine Verlobte nicht mehr erkennt und er in der Pension, die er am Mor- gen verlassen hat, nie als Mieter existiert zu haben scheint. Noch dazu heißt sei- ne Zimmervermieterin Frau Gruber, ein Echo von Josef K.s Vermieterin „Frau Grubach“. Dass er in seiner vertrauten Welt über Nacht zum Fremden geworden ist, ihn keiner mehr kennt, erlebt der Ich-Erzähler als Auslöschung seiner Iden- tität, ja seiner Existenz: Ich hatte keine Arbeit und kein Zuhause, ich hatte nicht einmal einen Namen. […] Die Leute dort wollten nicht zugeben, daß sie mit mir etwas zu tun hatten, sicher hatten sie mich schon aus ihren Listen gestrichen, nach ihrem Benehmen zu schließen, waren sie sogar imstande, alle Listen zu verbrennen, so daß man nicht einmal feststellen konnte, ob mein Name jemals auf ihnen vermerkt worden war. (SM 21  f.) In George Orwells Nineteen Eighty-Four (1949) – neben Kafkas Prozess die zwei- te wichtige Inspirationsquelle für Salto mortale – ist in ganz ähnlichen Worten von der totalen Auslöschung von Menschen die Rede.63 Das Abschneiden eines Menschen von der Welt der Lebenden, die Vernichtung der bloßen Tatsache sei- ner Existenz, beschreibt Hannah Arendt in ihrer Studie als ein Ziel totalitären Terrors.64 Dors Protagonist vergleicht sich mit einem Trapezkünstler, dem das Sicherheitsnetz während des gefährlichsten Sprungs, des ‚Salto mortale ‘ weg- getragen wird, daher der Titel der Erzählung. In seiner zunehmenden Verzweif- lung nimmt er auch das gleichgültige Verhalten der Unbeteiligten, auf der Stra- ße, in der Straßenbahn, als feindlich wahr, als Bestätigung der Tilgung seiner Existenz: 63 „Die Leute verschwanden ganz einfach, und immer bei Nacht. Der Name wurde aus den Regis- tern gestrichen, alle Tätigkeitsspuren wurden gelöscht, die ehemalige individuelle Existenz geleugnet und dann vergessen. Man wurde getilgt, annulliert: vaporisiert, so lautete die offizi- elle Sprachregelung dafür.“ George Orwell: 1984. [Nineteen Eighty-Four] Frankfurt/M., Berlin: Ullstein 1984, S.  24. 64 Vgl. Arendt: Elemente und Ursprünge, S. 650. Darstellungsformen des Totalitarismus 155
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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