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on, insbesondere den Hitler-Stalin-Pakt kritisiert hat. Und mit dem Parteiaus-
schluss erfolgt auch die soziale Ausgrenzung. In der Zeit der Illegalität und des
Untergrundkampfes bedeutet der Boykott der Genossen, das Verweigern von
Unterstützung und Verstecken den Tod. Milija wird den faschistischen Häschern
überlassen, die ihn verhaften und hinrichten. Es spricht einiges dafür, dass die-
ser Boykotterzählung eine biographische Erfahrung Dors, der ebenfalls mit der
orthodoxen Parteilinie der jugoslawischen KP brach, zugrundeliegt, denn sein
Alter Ego erinnert sich:
Er [Milija; Anm. d. Verf.] hatte damals dem Boykott nicht nachgegeben wie Mla-
den, der diese grausame Verbannung, dieses Totsein bei lebendigem Leibe nicht
hatte aushalten können. Mladen fühlte sich schuldig, daß er das erstemal nachge-
geben hatte.66
Hier findet sich bereits der Topos des Totseins bei lebendigem Leibe, hier findet
sich auch der narrative Kern des Boykotts, der dann in Salto mortale zu einem
wesentlich breiteren erzählerischen Szenario ausgebaut wird. Milo Dors Konse-
quenz aus seiner biographischen Erfahrung und seiner politischen Reflexion des
Zweiten Weltkriegs ist das Programm einer engagierten, historisch bewussten
Literatur, einer „Literatur der Verpflichtung“, wie er das gemeinsam mit Rein-
hard Federmann formuliert – gegen die dominierenden Strömungen der öster-
reichischen Nachkriegsliteratur, deren Vertreter das Ewig-Menschliche, Über-
zeitliche oder längst Vergangene als primäre Aufgabe der Literatur bestimmten.
Dor und Federmann fordern stattdessen eine Literatur, die sich mit den „bren-
nenden Problemen unserer Zeit“ auseinandersetzt, die „sich mit den Ursachen
der Katastrophe“ beschäftigt und damit „künftigen Katastrophen entgegenar-
beite[t]“.67 Und dies bedeutete vor allem eine Auseinandersetzung mit dem Nati-
onalsozialismus und dem Stalinismus, sodass die beiden in den fünfziger und
sechziger Jahren in den verschiedensten publizistischen und literarischen Gen-
res gegen totalitäre Systeme und ihre Vorboten anschrieben. Salto mortale steht
bei Milo Dor also in einer langen Reihe totalitarismuskritischen Schreibens.
Während in Tote auf Urlaub aber noch die Tradition neorealistischer Nachkriegs-
ästhetik dominiert, versuchte sich Dor gegen Ende der 1950er-Jahre in neuen
Schreibweisen und Erzählverfahren, ohne freilich seine politischen Intentionen
aufzugeben.
2. Kafka im Kalten Krieg: Salto mortale beginnt, wie gezeigt, mit einem kaf-
kaesken Szenario, beinhaltet zudem Momente des Absurden und Phantastischen.
Was auf den ersten Blick überraschend erscheinen mag, hatte in der Beschäfti-
66 Milo Dor: Tote auf Urlaub. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt 1952, S. 106.
67 Dor, Federmann: Für eine Literatur der Verpflichtung, S. 218.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
158 4 Totalitarismus: die innere Geschichte des Kalten Krieges
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918