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muß, unter Verhältnissen, die Sicherheit im alltäglichen Leben ausschließen und
unter denen man ebenso schnell Karriere machen wie ruiniert sein kann …“75.
Genau darauf hebt Dors Erzählung ab, genau damit beginnt im Übrigen auch
Kafkas Prozess: „Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er
etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“
Ganz anders als in Tote auf Urlaub, das sich detailliert und historisch konkret
mit totalitärer Herrschaft auseinandersetzt, ist diese in Salto mortale nicht mehr
eindeutig zuordenbar und vor allem nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Die
Menschen führen in der darin entworfenen Gesellschaft ein scheinbar normales
Leben. Sie erledigen Routinejobs, gehen zum Kartenspielen ins Kaffeehaus, verlo-
ben und verheiraten sich etc. Der Herrschaftsapparat bleibt unsichtbar – solange
keine seiner Regeln verletzt wird, solange, bis ein Akt der Dissidenz gesetzt wird.
In Dors Erzählung wirkt die totalitäre Macht, ohne dass sie konkret in Erscheinung
treten müsste, denn alle Mitglieder der Gesellschaft haben deren Regeln bereits
vollständig internalisiert und funktionieren widerstandslos. Alle wissen, wie sie sich
zu verhalten haben: angepasst, unauffällig und gehorsam. Unheimlich ist nämlich
nicht nur, dass die vertraute Welt für den Protagonisten plötzlich feindlich und
fremd geworden ist, sondern unheimlich ist beim zweiten Blick auch das wider-
standslose Funktionieren aller Mitglieder der Gesellschaft, die sich wie selbstver-
ständlich an der sozialen Isolation des Opfers beteiligen. Die „Zone des Schweigens“,
in die der Protagonist verbannt wurde, bezeichnet nicht nur das Totschweigen sei-
ner persönlichen Existenz, sondern auch das Totschweigen des totalen Machtappa-
rats und der völligen Entrechtung aller. Auf diese Weise führt Milo Dors Salto mor-
tale den Totalitarismusddiskurs des Kalten Krieges nicht einfach zur Verdammung
der kommunistischen Staaten, sondern zu der auch den Westen betreffenden Frage
des Verhältnisses von Repression und individueller Freiheit, von sichtbaren und
unsichtbaren Machtstrukturen, von Konformismus und Dissidenz.
Der Intellektuelle und der Totalitarismus
Ein wiederkehrendes Motiv in der Literatur des Kalten Krieges ist der zum Kom-
munismus verführte Intellektuelle. Der besondere Reiz dieser Konstellation lag
offenbar darin, dass sich während der Herrschaft des Nationalsozialismus zahl-
reiche Intellektuelle der Sowjetunion als einzigem ernst zu nehmenden Gegner
des „Dritten Reichs“ angenähert hatten, ob sie nun als „Fellowtraveller“ nur in
manchen Punkten die kommunistischen Positionen und Aktionen unterstütz-
ten oder ob sie gar zu Mitgliedern der KP geworden waren. In der österreichi-
schen Nachkriegsliteratur finden sich einige höchst bemerkenswerte Ausprä-
75 Ebd., S. 633. Der Intellektuelle und der Totalitarismus 161
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918