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Seiten, seine Aufmerksamkeit ist ganz auf die Karriere Sterns gerichtet, die er
Berichten der Prawda und der Iswestija entnimmt. Über seine Tätigkeit als
Journalist und Schriftsteller in den USA ist nur wenig zu erfahren. Für die Figur
Stern gilt, was Rohrwasser als einen Aspekt der Anziehungskraft des Stalinismus
auf Intellektuelle ausgemacht hat: Es ist die religiöse Heilserwartung, die Intel-
lektuelle „zu Priestern des Systems, zu Übersetzern des Parteiwillens, zu Visio-
nären einer grandiosen Zukunft und eines neuen ‚Menschentyps‘, dessen Geburt
blutig sein muߓ84 machte.
Die Handlung des Romans ist auf Sterns Jugend, seine Sozialisation im kom-
munistischen Milieu, seine Tätigkeit im Zweiten Weltkrieg und seinen Aufstieg
zum Parteifunktionär konzentriert. Stern wird bereits in seiner Jugend zum
Kommunisten, obwohl er aus großbürgerlichen Verhältnissen stammt. Sein Vater
ist ein angesehener Kaufmann und besitzt ein Warenhaus. Bereits als Jugendli-
cher liest Stern Das Kapital und macht bei einem freundschaftlichen Besuch
Willert mit Friedrich Engels’ Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur
Wissenschaft sowie dem Kommunistischen Manifest bekannt, um mit ihm darü-
ber zu diskutieren (vgl. ST 38).
Das Warenhaus, das aus den „kapitalistischen Pläne[n]“ (ST 44) seines Vaters
erwächst, ist für den pubertären Kommunisten Stern ein besonders abstoßendes
Objekt: „Ich hasse es. Ich hasse sogar den Gedanken daran. Großer Umsatz.
Kleine Löhne für die Angestellten. Profit, Profit, Profit. Nein.“ (ST 45). Sterns
weiterer Weg zur Macht ist durch eine Episode aus der Jugendzeit bereits vor-
gezeichnet. In einem jüdischen Pfadfinderverein, zu dessen Anführer er gewählt
wird, bestimmt er Willert zu seinem ersten Sekretär und bedient sich diktatori-
scher Methoden, um seine Gegner zum Schweigen zu bringen. Als sich Willert
von Stern aufgrund grundlegend unterschiedlicher Ansichten lossagt, wirft ihm
dieser vor, dass er „zu schwach wäre, um mit [s]einer kleinstädtischen Bour-
geoise zu brechen“ und aufgrund seiner kapitalistischen Einstellung „mit den
Wölfen heulen“ (ST 92) wollte.
Stern geht schließlich nach Moskau, wo er eine politische Schulung erhält.
Als Stern einen Vortrag über „Die kapitalistische Einkreisungstaktik und die
Beziehungen zwischen dem kapitalistischen und dem sozialistischen System“
(ST 120) hält, besucht ihn Willert, aber bereits in der Ankündigung fällt ihm
auf, dass Stern seine Biographie gefälscht hat, indem er eine proletarische Her-
kunft vortäuscht (vgl. ST 120). Als ihn Willert, der die amerikanische Staatsbür-
gerschaft angenommen hat und als Kriegsberichterstatter in London tätig ist,
während des Zweiten Weltkriegs wiedertrifft, erfährt er, dass Stern eine Jugend-
84 Michael Rohrwasser: Vom Exil zum „Kongreß für kulturelle Freiheit“. Anmerkungen zur Fas-
zinationsgeschichte des Stalinismus. In: Sven Hanuschek, Therese Hörnigk, Christine Malen-
de (Hg.): Schriftsteller als Intellektuelle. Tübingen: Niemeyer 2000, S. 137–158, hier S. 140.
Der Intellektuelle und der Totalitarismus 165
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918