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brigade von Fallschirmspringern angeführt hat, die sich in der Schlacht von Sta-
lingrad bewährte, wodurch er mit Verdienstorden ausgezeichnet wurde und zu
einem wichtigen Mitglied der Komintern avanciert ist. Nach dem Sieg der Sow-
jetunion über das „Dritte Reich“ wird Stern zu einer zentralen Figur bei der
Gründung der Kominform, gibt deren offizielle Zeitschrift in Bukarest heraus
und höchstpersönlich empfängt ihn Josef Stalin (vgl. ST 140). Bei der Rückkehr
in seine Heimat wird er zu einem der „mächtigsten Männer“ (ST 141) des Lan-
des. Auch Willert kehrt kurzzeitig dorthin zurück, um seine dort verbliebenen
Freunde zu besuchen, die unter dem Regime zu leiden haben und um dem
Schicksal seiner Jugendliebe, Bruno Sterns Schwester Lola, die seit dem Krieg
als verschollen gilt, nachzugehen.
Die Nachrichten, die Willert über Stern, der offiziell als „Stellvertretender
Generalsekretär der Kommunistischen Partei“ (ST 142) fungiert, zu Ohren kom-
men, sind „meist politischer Klatsch oder unbestätigte Gerüchte“ (ST 141). Wie
sich aber herausstellt, spielt er eine zentrale Rolle in den Schauprozessen, in
denen etwa ein General wegen Hochverrats zum Tod verurteilt wird. Während
sich der Präsident der Republik für eine Begnadigung ausspricht, weil der Gene-
ral ein Kriegsheld ist, besteht Stern strikt auf die Hinrichtung und erhält darob
unter den Mitgliedern der KP den Beinamen „der Henker“ (ST 143). Stern steht
auch in Zusammenhang mit „Säuberungen“ und der „Liquidation“ von Ver-
schwörern. Willert liest in einem Bericht, dass Sterns Name, „wie jener Berias
in Rußland zu einem Synonym für Prozeß und Bestrafung geworden“ (ebd.) sei.
Lawrenti Berija, der oberste Chef des NKWD, wurde von Stalin mit heiklen und
geheimen Aufgaben betraut und gehörte zum innersten Machtzirkel im Kreml.
Er war Mitglied von Sonderkommissionen des Politbüros, die sich mit beson-
deren schwierigen und komplexen Themen der Sicherheit, Verteidigung sowie
Außenpolitik befassten, und war als „oberster Gefängniswärter der NKWD-GU-
LAG-Maschinerie“85 tätig, wobei laut Wladislaw Subok und Konstantin Plech-
akow seine „Ergebenheit gegenüber Stalin und seine Grausamkeit gegenüber
allen anderen keine Grenzen“86 kannte. Ebenso wie Berija, fällt auch Stern aber
schlussendlich selbst einer „Säuberung“ zum Opfer.
Für Willert ist jeder Aspekt von Sterns Beziehung zum Kommunismus falsch
oder sogar von Lüge gezeichnet: seine Identität als Jude, die mangelnde Beherr-
schung der russischen Sprache sowie seine bürgerliche Herkunft (vgl. ST 197).
Diese Eigenschaften werden Stern schlussendlich zum Verhängnis. Da das Zen-
tralkomitee beschließt, das Generalsekretariat der Partei aufzulösen, „um ein-
flussreiche Verräter und Verschwörer auszumerzen“, wird auch Bruno Stern aus
der KP ausgeschlossen und in ein Staatsgefängnis eingeliefert (vgl. ST 240). Die
85 Subok, Plechakow: Der Kreml im Kalten Krieg, S. 69.
86 Ebd., S. 206.
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166 4 Totalitarismus: die innere Geschichte des Kalten Krieges
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918