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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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Anklage lautet typischerweise auf Hochverrat, den er als „trotzkistische[r], titois- tische[r], zionistische[r] und bürgerlich-chauvinistische[r] Verräter und als Geg- ner des Sozialismus“ begangen habe, indem er „eine staatsfeindliche Verschwö- rergruppe ins Leben rief, die in den Diensten der anglo-amerikanischen Imperialisten stand und ihre Befehle von westlichen Spionagediensten entge- gennahm“ (ST 271). Stern steht damit als paradigmatische Figur für die Opfer jener „multifunk- tional und präventiv“87 angelegten Schauprozesse in den „Satellitenstaaten“ der Sowjetunion nach 1945, die sich nicht nur gegen ganze soziale, nationale, poli- tische und berufliche Gruppierungen richteten, sondern auch gegen treu erge- bene Anhänger und Schüler Stalins, die als Statthalter der Satellitenstaaten liqui- diert wurden. Zwischen 1948 und 1954 fanden, wie in den 1930er-Jahren in Moskau, Verhaftungen, Säuberungen und politische Schauprozesse statt, von denen die Prozesse gegen Traitscho Kostow, den Gründer der bulgarischen KP, gegen den ungarischen Innenminister Lászlo Rájk und gegen Rudolf Slánský, den Generalsekretär der tschechoslowakischen KP, zu den prominentesten zäh- len.88 Wechsbergs Roman ist jedoch mehr als nur der Versuch, die prototypische Karriere eines Stalinisten zu zeichnen, dessen Orthodoxie ihm schlussendlich zum Verhängnis wird, sondern er folgt einem historischen Vorbild. Im Rahmen des Prozesses gegen Slánský wurde nämlich auch der KP-Funktionär Bedřich Geminder angeklagt und 1952 zum Tode verurteilt, ein ehemaliger Schulfreund Wechsbergs. Geminder, geboren 1901, war ab 1924 Mitarbeiter der Komintern in Moskau gewesen und arbeitete ab 1934/35 in der Abteilung Presse und Pro- paganda des „Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale“ (EKKI), die er später auch leitete. Nach 1945 übernahm er die Leitung der Abteilung „Internationale Verbindung des ZK der KPČ“. Wechsberg erinnert sich an ihn in dem Artikel My Schoolmate Geminder – Rise and Fall of Communist leader, den er 1953 – ein Jahr bevor The Self-Betrayed erschien – in der US-amerikani- schen Zeitschrift Collier’s veröffentlichte. Geminder war eine ‚graue Eminenz‘ in der tschechoslowakischen KP, der in direktem Kontakt mit dem Kreml stand und als mächtiger als der tschechoslowakische Ministerpräsident Klement Gott- wald galt.89 Die biographischen Details, die Bruno Stern und Bedřich Geminder teilen, verleihen dem Roman Der Stalinist Züge eines Schlüsselromans: Von der 87 Wolfgang Maderthaner, Hans Schafranek, Bertold Unfried: Einleitung. In: Dies. (Hg.): „Ich habe den Tod verdient“. Schauprozesse und politische Verfolgung in Mittel- und Osteuropa 1945–1956. Wien: Verein für Gesellschaftskritik 1991, S.  7–14, hier S.  10. 88 Vgl. Tony Judt: Geschichte Europas. Von 1945 bis zur Gegenwart. Frankfurt/M.: Fischer 2009, S.  213  f. 89 Vgl. Joseph Wechsberg: My Schoolmate Geminder – Rise and Fall of Communist leader. In: Collier’s, 7.2.1953, S.  20–22. Der Intellektuelle und der Totalitarismus 167
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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