Seite - 168 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Bild der Seite - 168 -
Text der Seite - 168 -
bürgerlichen Herkunft bis hin zu wesentlichen Charakterzügen, von der Aneig-
nung der kommunistischen Ideologie in Jugendtagen bis hin zur Karriere eines
stalinistischen Funktionärs sowie dem Prozess und der Hinrichtung hat Wechs-
berg die Biographie seines Mitschülers zur Vorlage genommen: „During the tri-
al, the Prague radio every evening broadcasts a commentary, interspersed with
playbacks of tape recordings from the courtroom where no Western observer or
correspondent was admitted. […] You could hear, for the last time, the mono-
tonous voice of Bedrich Geminder, a dead voice already, making abject confes-
sions and asking for ‚severe‘ punishment.“90
Die Selbstanklage ist für Geminder ebenso wie Stern die letzte Station des
Dienstes am Kommunismus, den sowohl das historische Vorbild als auch die
literarische Figur mit dem Leben bezahlen müssen. Der letzte Bericht, den Wil-
lert über Stern liest, lautet: „28. September (Associated Press). Bruno Stern, der
frühere kommunistische Machthaber, der nach neuntägigem Prozeß vor dem Staats-
gerichtshof zum Tode verurteilt worden war, wurde in den heutigen frühen Mor-
genstunden im Staatsgefängnis gehenkt.“ (ST 287).
Der Intellektuelle als Denunziant
Dass der Intellektuelle zur Denunziation neigt, ist ein Topos, den Reinhard
Federmann in Das Himmelreich der Lügner anhand der Figur von Paul Heller
gestaltet. Federmann, der darauf hinwies, dass er sich „viel Mühe mit den zahl-
reichen vorhandenen Quellen“91 für seinen zeitgeschichtlichen Roman gemacht
habe,92 führt eine Reihe von Figuren ein, die Ähnlichkeiten mit historischen
Akteuren aufweisen, wobei vor allem die Figur Heller hervorsticht, der im Gegen-
satz zum Protagonisten Bruno Schindler, die Chance innerhalb des totalitären
System zum Funktionär aufzusteigen, ergreift. In einem Brief an Hans Weigel
erklärt Federmann die ideologisch-politische Entwicklung seiner Hauptfigur.
Schindler sei spätestens ab August 1939, also dem Nichtangriffspakt zwischen
Hitler und Stalin, kein Kommunist mehr. Der Angriff der Wehrmacht auf die
Sowjetunion im Jahr 1941 lässt ihn dann zwar an der Seite der Roten Armee
gegen Hitler kämpfen, „aber [er] ist deshalb kein Kommunist“, sondern die Kom-
munisten wären „nun auf seine Seite getreten, und das nicht freiwillig, sondern
infolge der begrüßenswerten Idiotie Hitlers“:
90 Ebd., S. 22.
91 N.N.: Ich sage die Wahrheit. In: Wochen-Presse, 19.12.1959.
92 So griff er etwa um die Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie darzustellen u.a. auf
folgendes Buch zurück: Josef Buttinger: Am Beispiel Österreich. Ein geschichtlicher Beitrag
zur Krise der sozialistischen Bewegung. Köln: Verl. für Politik u. Wirtschaft 1953.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
168 4 Totalitarismus: die innere Geschichte des Kalten Krieges
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918