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Kette, eine Rolle bei politischen Verleumdungen spielte. In seiner Funktion als
österreichischer Vertreter beim Exekutivkomitee der Kommunistischen Inter-
nationale gab Fischer „Kaderberichte“ weiter, die auch emigrierte Schutzbünd-
ler betrafen. Darin charakterisiert er österreichische Sozialisten als „arbeitsscheu“,
„sowjetfeindlich“ oder „lumpenproletarisch“ und das macht Fischers Selbstdar-
stellung in seiner Autobiographie Erinnerung und Reflexion, er habe „blind-
lings“97 für Schutzbündler gebürgt, revisionsbedürftig. Allerdings ist – auch
aufgrund der Quellenlage – kein endgültiges Urteil über Fischers Verstrickun-
gen möglich.98
Manès Sperber hat Fischer als einen derjenigen „skeptischen Intellektuellen“
charakterisiert, die „vor die Alternative gestellt, das Unmögliche gelten zu lassen
oder aber gegen Stalin und den ihm untertanen Kommunismus Stellung zu neh-
men, sich entschlossen, fortab nicht zu wissen, nicht wissen zu wollen, sondern
in Kadavergehorsam zu glauben. Sie wußten, was sie taten, anders gesagt: sie
wußten ganz genau, was zu wissen sie entschieden ablehnten.“99
Als Schindler nach seinem Fronteinsatz im Zweiten Weltkrieg mit der Roten
Armee nach Wien zurückkehrt, findet er Heller dort bereits als „Oberpolitiker
installiert“ (HL 365) vor, der die erste „national-österreichische Zeitung“ mit-
begründet hat. Auch Fischer, der am 13. April 1945, am Ende der Kampfhand-
lungen in Österreich, gemeinsam mit Johann Koplenig und einem in Moskau
konzipierten Plan zur Konstituierung einer provisorischen Regierung zurück-
kam, fungierte bis 1947 als Chefredakteur der Tageszeitung Neues Österreich,
das als „Organ der demokratischen Einigung“ jener Parteien wirkte, die sich im
Bürgerkrieg 1934 noch feindlich gegenübergestanden waren.
Angesichts der Zusammenarbeit mit Heller bei der Gründung der kommu-
nistischen Wochenzeitung „Sonntag“ schlägt Schindlers „Gleichgültigkeit“ gegen-
über diesem in „hellen Haß“ (HL 425) um. Er verliert nicht nur seine Freundin
Sofie an Heller, sondern erhält Einblick in die Maschinerie des sowjetischen
Terrors, als ein junger österreichischer Kommunist namens Max Wolf, der wäh-
97 Fischer: Erinnerung und Reflexion, S. 364.
98 Vgl. McLoughlin, Schafranek: Die Kaderpolitik der KPÖ-Führung in Moskau, 1936–1940. Der
österreichische kommunistische Lyriker Hugo Huppert, der 1928 in die UdSSR emigriert war,
schildert Fischers Rolle in Moskau in seiner Autobiographie Schach dem Doppelgänger sehr
negativ und wirft ihm vor, ehemalige Schutzbündler in Leningrad denunziert zu haben. vgl.
Hugo Huppert: Schach dem Doppelgänger. Anläufe einer Reifezeit. Halle, Leipzig: Mitteldeut-
scher Verl. 1979, S. 312 f.
Außerdem verfasste Fischer 1937 zwei Propagandabroschüren mit den Titeln Vernichtet den
Trotzkismus! und Der Arbeitermord von Kemerowo, die den stalinistischen Schauprozessen
gewidmet waren, diese rechtfertigten und seiner Darstellung in der Autobiographie widerspre-
chen.
99 Manès Sperber: Stufen der praktikablen Unwissenheit. In: Ders.: Essays zur täglichen Weltge-
schichte. Wien, München, Zürich: Europa-Verl. 1981, S. 713–719, hier S. 717.
Der Intellektuelle und der Totalitarismus 171
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918