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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Seite - 179 -
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ders stark empfunden und von der österreichischen Regierung dementsprechend für ihre Propaganda gegen die KPÖ instrumentalisiert. In Ob wir das noch erleben? erfahren diese Ängste eine lustvolle Deklination: Die „Wallstreet-Agenten“ (NE 29) Merz und Qualtinger werden nach der Mach- tübernahme wegen ihrer Radiosendung Brettl vor dem Kopf angeklagt, die vom Vorsitzenden des kommunistischen Schiedsgerichts als „Symbol für einen der widerlichsten Auswüchse kapitalistisch-faschistischen-dekadenten Denkungsart“ (ebd.) bezeichnet wird. Qualtinger und Merz beginnen sich gegenseitig zu denun- zieren und werden in eine Gemeinschaftszelle geführt, wo – zu ihrer Verwunde- rung – auch das gesamte Zentralkomitee der KPÖ einsitzt. Unter den Gefangenen befindet sich die Leitung des kommunistischen Theaters in der Scala, die Schau- spieler Karl Paryla und Wolfgang Heinz, der „gegen die Grundgesetze der Partei verstoßen“ hätte, da der sowjetische „Humor eine bitter-ernste Angelegenheit“ (NE 32) sei. Auch Professor Weinbrandler wurde verhaftet, hinter dem sich – kaum verklausuliert – der Jurist Heinrich Brandweiner verbirgt, der sich von der KPÖ für ihre Propaganda instrumentalisieren ließ und als erster Vorsitzender des Öster- reichischen Friedensrates den „US-Bakterienkrieg“ in Korea kritisierte. Aus der Zeitung erfahren Merz und Qualtinger, dass auch dem Nationalsratsabgeordneten der KPÖ, Ernst Fischer, im „bedeutendsten Theaterereignis der Saison“ der Pro- zess gemacht wurde. Mit seinem „großen Selbstbezichtigungsmonolog“ (NE 33) hätte Fischer an die Zeiten der Moskauer Schauprozesse der 1930er-Jahre heran- gereicht. Auch der Rektor der „Hochschule für Kuhhandel“ wurde eingesperrt, da er in einem Referat über Weltmarktpreise ausgeführt hatte, dass der „Zucker und der Schilling fallen“ (NE 34) würden, womit Erwin Zucker-Schilling, Chefredak- teur der „Volksstimme“ und Mitglied des Zentralkomitees der KPÖ, gemeint ist. Nach ihrer Freilassung müssen Qualtinger und Merz feststellen, dass sich das Wiener Stadtbild verändert hat. Nicht nur wurden den Denkmälern auf dem Heldenplatz „russische Uniformen angezogen“ und am Ballhausplatz sind „rie- sige Transparente mit den Bildern“ (NE 40) der KPÖ-Politiker Johann Koplenig und Franz Honner angebracht, sondern auch die Staatsoper am Ring wurde in ein „Sowjetisches Informationszentrum“ und das Burgtheater – in Anspielung auf das „Neue Theater in der Scala“ – in das „Neue Theater im Burgtheater“ umbenannt. Die amerikanische Besatzungsmacht findet sich spiegelbildlich in der Rolle, die in Wirklichkeit den sowjetischen Besatzern zukam: Sie verfügen über die Wiener Rosenhügel-Filmstudios und betreiben ein Informations-Cen- ter im Wiener Porrhaus. Die Auflösung der Dystopie erfolgt, als sie sich schließ- lich als Traum herausstellt. Qualtinger erwacht und sieht sich – sozusagen als Pointe – einem Steuerbeamten gegenüber, der ihn auffordert, seine Schulden zu bezahlen und dessen Anwesenheit erträglicher sei als der Traum von der „UdSOeR“: „Wissen Sie, es gibt Träume, gegen die jede Wirklichkeit verblaßt ... und Wirklichkeiten, die man nicht einmal träumen kann ...“ (NE 45) Lustvolles Bedrohungsszenarium 179
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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