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boten.130 Der Text konstruiert das totalitäre System zunächst auf einer allgemei-
nen Ebene. Die Bürger Moskaus im Jahr 1997 sind „Hunderten von Gesetzen
unterworfen, und angefangen vom pünktlichen Gehorsam der Weckuhr gegen-
über bis zur Maschinenfron in der Fabrik“ ist ihr Dasein „ärgste Sklaverei“ (M
40). Damit das System aufrechterhalten bleibt, gibt es überall Überwachung. Auf
den Straßen patrouillieren die „Gesetzeseinhaltungsrevisoren“, die bereits bei
kleineren Vergehen die „Schuldigen“ in die „Verarbeitungsfabriken“ weisen, wo
sie zu Rohstoffen zerlegt werden. Das Regime bedient sich bei Folterungen „psy-
chotechnische[r] Methoden“, damit „Unschuldige die dümmsten Dinge vor dem
Revisorat eingestehen“ (M 278). Die Unfreiheit der Bevölkerung erstreckt sich
bis ins Privateste, wie das auch Hannah Arendt als zentrales Merkmal totalitärer
Herrschaft beschreibt (s.o.). Kinder dürfen nicht von ihren Eltern großgezogen
werden, sondern gelangen gleich nach ihrer Geburt in staatliche Erziehungsan-
stalten (vgl. M 27). Darüber hinaus wird der emotionale Haushalt der Menschen
durch das Prinzip des „Panhilarismus“ gesteuert. Dieser verordnet allgemeine
Fröhlichkeit, die etwa durch die Stimme von Bim und Bom, den ‚Staatsbajazzos‘,
die ihre Witze reißen (vgl. M 17) aus dem Radio dringt. Der größte Feind dieses
dunklen Reiches ist das Christentum, dessen Zentrum im pazifischen Raum loka-
lisiert ist. Der Papst und der Vatikan residieren in San Francisco (vgl. M 10).
Kuehnelt-Leddihn begnügt sich aber nicht damit, die UdSSR mit allen Ver-
satzstücken des totalitären Systems darzustellen, sondern er geht noch einen
Schritt weiter, indem er sie in grotesker Zuspitzung auch im religiösen Sinne als
„Reich des Bösen“ charakterisiert. So stellt sich heraus, dass der einflussreiche
Archivar des Kremls, Zdzisław Zbygniewicz Godlewski, der leibhaftige Teufel
ist, der dem Präsidenten Novák zur totalen Auslöschung der Menschheit rät.
Die Bevölkerung der Sowjetunion soll registriert werden, an einem Stichtag
haben sich alle vor dem Radio zu versammeln, jeder bekommt eine Portion Gift
und nach einem Aufruf trinken „alle auf Gongschlag den Todestrank“ (M 61)
aus. Die andere Hälfte der Menschheit, so phantasiert Godlewski lustvoll –, soll
ausgelöscht werden, indem der Papst die Ehe zur Sünde erklärt „und in zwei
Generationen ist die pazifische Welt ausgestorben“ (M 62). Später will er gar eine
„neu-alte Idee, den sogenannten ‚faktizistischen Allkommunismus‘, eine Art
integralen, materialistischen Bolschewismus, der die Menschen einfach unter
die toten Dinge“ (M 133) einreiht, einführen.
Die ominöse Stadt Leninsk, angeblich in West-Sibirien lokalisiert, in der der
Kommunismus bereits verwirklicht sei, und das immer wieder als eine Art Schla-
raffenland geschildert wird, offenbart sich im Verlauf der Handlung ebenso als
130 Dokument 1951, Nr. 74. In: Wolfgang Mueller, Norman M. Naimark und Arnold Suppan (Hg.):
Sowjetische Politik in Österreich 1945–1955. Dokumente aus russischen Archiven. Wien: Verl.
d. Österr. Akad. d. Wiss. 2005, S. 733–743, hier S. 735.
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184 4 Totalitarismus: die innere Geschichte des Kalten Krieges
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918