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ein Werk Godlewskis. Dort, so wird verlautbart, wären die Kioske aus Lebku-
chen, die Türklinken aus Marzipan und die Dachschindeln aus Schokolade; „die
Lampen sind aus Spalierobst und die Drähte aus Tragant, die Dachrinnen aus
Kandis, die Teppiche aus Vanilleeis“ (M 69). Uljan, der Protagonist des Romans,
ein hochdekorierter Kommunist, der im Untergrund aber als heimlicher Erzbi-
schof der Sowjetunion agiert und der „die Kunde von Gott in diese Metropole
Satans“ (M 149) tragen will, findet heraus, dass es „die Wunderstadt des Teufels,
das Herzstück der Sowjetunion, das die ganze Welt verschlingen sollte“ (M 158)
gar nicht gibt. Dieser „Nicht-Ort“ dient vielmehr dazu, Gegner und ausgedien-
te Funktionäre in einem Erdloch verschwinden zu lassen. Das utopische Zent-
rum des totalitären Staates, von dem die Figuren des Romans nur wie von einem
Land der Verheißung sprechen, entpuppt sich als raffinierte Tötungsmaschine-
rie. Leninsk geht auf den teuflischen Plan Godlewskis zurück, der in Nachfolge
von Goethes Mephistopheles erklärt:
Ich fühle mich unwohl in der ganzen Schöpfung, besonders unwohl in diesem
Leib eines verstorbenen polnischen Beamten, aber Leninsk ist gut, denn Leninsk
ist – Nichts. Alles Bestehende ist von Gott, darum behagt es mir nur in der Nich-
texistenz. (M 261)
Wie Hannah Arendt konstatiert hat, macht der Totalitarismus, der eine radikale
Auslöschung von Politik durch die systematische Vernichtung der Menschheit
selbst vornimmt, die „Menschen als menschliche Wesen“ überflüssig, worin für
Arendt das „radikale Böse“ dieser neuen Regierungsform des 20. Jahrhunderts
besteht.131 Der teuflische Archivar Godlewski erscheint in diesem Kontext wie
eine vorweggenommene literarische Personifizierung des theoretischen Stand-
punkt Arendts in (anti-)christlichem Gewand.
Ebenso wie in Basils Roman kommt es auch in Moskau 1997 schlussendlich zur
Destabilisierung des totalitären Systems durch eine unaufhaltsame äußere Bedro-
hung. Der Komet Berzelius droht mit seinem giftigen Schweif alles Leben auf der
Erde zu vernichten. Dies wird zunächst noch von der sowjetischen Propaganda als
„papistische Provokation“ (M 214) bezeichnet, ändert jedoch nichts an dem Kampf
aller gegen alle, der in der Sowjetunion ausbricht: „Kurz vor der Kremlmauer wur-
de geschossen, am Ameisenboulevard gröhlte eine Gruppe den Verarbeitungswal-
zer, und an manchen Straßenlaternen klebte ein Auto, das man mutwillig hatte
dagegenfahren lassen. Weder ein Revisor noch ein Militärpolizist […] war weit
und breit zu sehen; der Schatten des Alltodes machte die Menschen frei.“ (M 219)
Dass der Komet die Erde verfehlt und die Welt doch nicht untergeht, die Sow-
jetunion sich jedoch in einem fortschreitenden inneren Zerfall befindet, nutzen
131 Vgl. Elisabeth Young-Bruehl: Die Kunst des Alarms. In: Wolfgang Heuer (Hg.): Dichterisch
Denken. Hannah Arendt und die Künste. Göttingen: Wallstein 2007, S. 123–135, hier S. 128.
Das totalitäre System in Dystopien österreichischer Schriftsteller 185
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918