Seite - 188 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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kommenheit verwirklicht! [...] Können wir also auf Amerika unsere Hoffnung
gründen, wo selbst Gott und die Religion in den Dienst des materiellen Erfolgs
gestellt sind? Also müssen wir unsere Blicke auf Sowjetrußland richten. Aber dort
ist doch der Materialismus zum Dogma erhoben worden!‘ 2
Der katholische Leserbriefschreiber befindet sich in einem Dilemma, das der
Kalte Krieg mit sich bringt: Beide großen Systeme, die politische Akteure zu
einer Entscheidung für die eine oder andere Seite drängen, weisen den Pferde-
fuß des Materialismus auf. Die Hoffnungen Hellriegls, es handle sich bei dem
Materialismus, der in den kommunistischen Staaten proklamiert wird, nur um
ein Lippenbekenntnis, das sich dem Konkurrenzkampf mit den kapitalistischen
Staaten verdanke, erweist sich als trügerisch, wie die Antwort des Tagebuch-Mit-
arbeiters Hans Grümm, dem späteren Generalinspektor der Internationalen
Atomenergie-Agentur in Wien, zeigt. Grümm lernte während seiner Kriegsge-
fangenschaft in Russland im Rahmen eines Umerziehungsprogrammes den
KPÖ-Funktionär Ernst Fischer kennen und ließ sich zunächst für den Kommu-
nismus begeistern, wandte sich aber schon 1957 wieder von ihm ab.3 In seiner
Antwort schreibt er: „Hellriegl hat recht: Der ‚Idealismus‘ der Wall Street ist
scheinheilige Phrase, genau so wie der ‚Idealismus‘ Hitlers.“ Die Kommunisten
hingegen seien keineswegs „Anbeter der toten, bewusstlosen Materie“, da nicht
der mechanische Materialismus etwa eines „Lametrie“4 vertreten werde, der die
Funktionen von Lebewesen mit den Mitteln der Mechanik zu erklären versuche,
sondern der dialektische Materialismus,5 welcher dem Bewusstsein, das sich in
2 N.N.: T[age]B[uch] diskutiert: Materialismus oder Idealismus? In: Tagebuch 5 (1950) H. 10,
13.5.1950, S. 4.
3 Vgl. Hans Grümm: Drei Leben. Krieg, Partei, Atom. Wien: Löcker 1992, S. 196–206. Grümm
arbeitet 1956 in der DDR, nimmt aber bald ein Arbeitsangebot als wissenschaftlicher Mitar-
beiter in Stuttgart an. Als Begründung für seinen KP-Austritt nennt er: „Schauprozesse, Strafla-
ger, Machtkämpfe im Kreml, Fehlplanungen.“ Ebd., S.
205. Vgl. auch Hans Grümm: Die große
Illusion. Gedanken eines ehemaligen Kommunisten. In: Die Furche
13 (1957) H.
6, 9.2.1957,
S. 3 f. und H. 7, 16.2.1957, S. 3. Hier spricht er von einer „Entartung des Apparats“.
4 Hans Grümm: [Beitrag im Rahmen von: TB diskutiert: Materialismus oder Idealismus?] In:
Tagebuch
5 (1950) H.
13, 24.6.1950, S.
4. Gemeint ist der französische Mediziner, Philosoph,
Naturforscher und Autor Julien Offray de La Mettrie (1709–1751), der das Werk L’homme
machine (1748) (dt.: Der Mensch eine Maschine) verfasste.
5 Der Begriff des dialektischen Materialismus wurde innerhalb der marxistischen Theorie-
tradition gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit Berufung auf die Schriften Marx’/Engels’
gebildet und im Sowjetkommunismus zu einem wichtigen Bestandteil der – allerdings aus-
legbaren – Ideologie. Der Begriff wendet sich gegen Erklärungsmodelle der Geschichte,
Natur und Realität, die wie Religionen von prinzipiell unbeweisbaren Faktoren ausgehen
und postuliert stattdessen eine erkennbare, jedoch in ständiger, zum Teil sprunghafter Ver-
änderung befindliche Materie. Vgl. Wilhelm Goerdt, Wolfgang Knispel: Materialismus, dia-
lektischer. In: Joachim Ritter, Karlfried Gründer, Gottfried Gabriel (Hg.): Historisches Wör-
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188 5 Materialismus versus Christentum
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918