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mus und der Kommunismus. [...] Im übrigen haben beide Systeme etwas gemein-
sam, nämlich das mechanische Prinzip: Der Kapitalismus ist beherrscht von dem
Mechanismus des freien Marktes, der Kommunismus vom Mechanismus der
Zwangsgesetze. [...] Jede Religion baut auf der Anerkennung von selbständigen
geistigen Werten auf. Mit der sozialistischen Weltanschauung, die im Grund ma-
terialistisch ist, kann sie sich nicht vertragen.15
Die Strategie der rigiden Trennung zwischen dieser Sphäre der politischen Macht-
kämpfe und der religiös verbürgten immateriellen Werte bietet sich für die christ-
lich orientierten Schriftstellerinnen und Schriftsteller an und spielt besonders
in Österreich eine wichtige Rolle. Daneben lassen sich aber auch Bestrebungen
finden, den von Henz angesprochenen ‚Burgfrieden‘ mit einer der politischen
Parteien auszuhandeln. Henz erklärt, diese Strategie selbst vorzuziehen und nicht
wie andere „an der Unvereinbarkeit von Kirche und Welt (von Kreuz und Atom-
bombe, Liebesgebot und Kaltem Krieg)“16 zu zerbrechen.
Eine andere Kooperationsbestrebung zwischen Politik und Kirche geht von
kommunistischer Seite aus und baut auf Schlagworte wie Humanismus, Men-
schenwürde, Gemeinschaft und Frieden – insbesondere im Atomzeitalter. Der
Wiener Kulturstadtrat und ‚unorthodoxe‘17 Kommunist Viktor Matejka ruft
etwa den erzbischöflichen Koadjutor Franz Jachym in einem offenen Brief im
Tagebuch auf, „mit dem Evangelium in der Hand die Wechsler aus dem Tem-
pel zu treiben“.18 Jachym solle sich auf das „kommunistische Prinzip der urchrist-
lichen Gemeinde“ besinnen und „das Krebsgeschwür des Kapitalismus, wie es
der ‚Osservatore Romano‘ vor einigen Jahren nannte“, bekämpfen.19 Matejka
hebt die Vorarbeit der Kirche in puncto Humanismus hervor, an die sozialisti-
sche Denker anknüpfen konnten:
15 Paul Rusch (Hg.): Der Sozialhirtenbrief der Österreichischen Bischöfe. Herausgegeben im Auf-
trag der Bischofskonferenz und mit Kommentar versehen von Bischof Dr. Paul Rusch. Inns-
bruck, Wien, München: Tyrolia 1957, Kap. 2. Online-Quelle iupax.at/fileadmin/documents/
pdf_soziallehre/1957-oebk-sozialhirtenbrief.pdf [zuletzt aufgerufen 11.4.2017; Kursiv. i. Orig.].
Vgl. auch Hanisch: Der lange Schatten des Staates, S. 427.
16 Henz: Fügung und Widerstand, S. 357.
17 Vgl. den Untertitel von Viktor Matejka: Widerstand ist alles. Notizen eines Unorthodoxen.
Wien: Löcker 1984.
18 Viktor Matejka: Dr. Franz Jachym in Wien. Offener Brief an den erzbischöflichen Koadjutor.
In: Tagebuch 7 (1952) H. 5, 1.3.1952, S. 3.
19 Der Kapitalismus wurde in der kommunistischen Presse gerade auch für Christen als proble-
matisch dargestellt: „Das Gebet der amerikanischen Monopolisten lautet: / Vater, [sic] unser,
/ der du bist im Himmel, / erhalte uns unsere Profite, / Coca-Cola. [Statt: Amen.] / Es ist nicht
unser Gebet. Es ist die Gotteslästerung der ‚Freiheit‘.“ Peter Alt: Am Ende des Gebetes: Coca-Co-
la. In: Tagebuch 7 (1952) H. 7, 29.3.1952, S. 2.
Das Dreieck Kommunismus, Amerikanismus, Katholizismus 191
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918