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Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Seite - 196 -
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Bekenntnisses zum Christentum von seinem Kollegen und Lehrer Krasin erschla- gen. Die Gegenüberstellung von orthodoxen Mönchen und atheistischen Wissen- schaftlern verschiebt den Konflikt des Kalten Krieges von der Ebene wirtschaft- licher und staatspolitischer Gegnerschaft auf die Ebene der Religion und Philo- sophie. Laut Peter Roessler fungiert Becsis Christentum „in diesem Drama als Schild gegen den Marxismus“.37 Die bipolare Struktur des Kalten Krieges wie- derholt sich hier unter anderen Vorzeichen: „Es gibt keinen Kompromiß zwi- schen diesen und uns“, (RO 30) erklärt der sowjetische Biologe Krasin seinem Assistenten Marakow über die christlichen Mönche des Klosters. Marakow kon- kretisiert diesen Gegensatz: „Ihr [Mönche] behauptet: alles ist Geist. Wir sagen: alles ist Materie.“ (RO 35) Athanasios, einer der Mönche, stellt denselben Gegen- satz mit Empörung fest: „Sie [die sowjetischen Wissenschaftler] vergötzen die Materie. Sie leugnen den Geist!“ (RO 51) Dieser Gegensatz wird von Beginn an plakativ ausgestellt, indem der Dra- mentext mit den Stimmen zweier alternierender Chöre einsetzt, die Stellen aus dem Kommunistischen Manifest (1848) mit Bibelstellen kontrastieren. Auffällig ist, dass die Bibelstellen von einem „Chor der Mönche“ gesprochen werden, der – physisch präsent – auf der linken Bühnenseite aufgestellt sein soll, wie Becsi in der Vorrede erklärt. „Diesem Chor gegenüber ist ein anderer – mechanischer – Chor hörbar, ein zum Ablauf gebrachtes Spruchband, das Teile aus dem von Marx und Engels verfaßten Kommunistischen Manifest verlautet.“ (RO 15) Die- se mechanische Stimme, hinter der weder ein Mensch noch ein ‚Geist‘ zu stehen scheint, wiewohl sie vom „Gespenst“ des Kommunismus spricht, und die mecha- nisch und willenlos abläuft, soll die Geist- und Willenlosigkeit der Materie sym- bolisieren. Durch diesen etwas plumpen dramaturgischen Kunstgriff wird insinuiert, dass der kommunistische Atheismus den Menschen zur geistlosen Materie degra- diere. Diese Materialität wird mit dem Moment der Masse verschränkt, über die der im Laufe der Handlung zum Glauben bekehrte Marakow sagt, sie besitze im Gegensatz zum Individuum keinen „Sinn“: „[…] die Masse will zugrunde gehen. Das Einzelne will leben, weil in ihm der Sinn lebt. Die Masse aber besitzt keinen Sinn“ (RO 43.) Marakow nimmt hier Bezug auf den vorhergesagten Massentod der Lemminge. Die Mönche sehen in deren Todeszügen ein böses Omen, da auch 1918 und 1938 – also in Krisenzeiten knapp vor Kriegsende oder -ausbruch – Massen von Lemmingen gestorben seien. Diese Deutung des Phänomens wird auch in dem Artikel der Wiener Zeitung angedeutet, den Becsi in seinem Dra- 37 Peter Roessler: Studien zur Auseinandersetzung mit Faschismus und Krieg im österreichischen Drama der Nachkriegszeit und der 50er Jahre. Köln: Pahl-Rugenstein 1987, S.  178. Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR 196 5 Materialismus versus Christentum
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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