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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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Symbol wird für das letzte Stadium des Kollektivs, die Verzweiflung, nach dem gänzlichen Verlust jeder Helle, jeder individuellen Lebens- und Entwicklungs- möglichkeit. Dem materialistischen Diesseitsglauben und Fortschrittsfanatismus, der das Kollektiv erzeugt und trägt, ist der Geist des Christentums gegenüberge- stellt, der Organisation die Religion, dem Leben der nackten Verpflichtung ein Leben der vollen, durchleuchteten und erfaßten höheren Aufgaben.43 Das Sowjetregime, das dem einzelnen Bürger enge Verhaltensregeln aufzwingt, seine sämtlichen Lebensbereiche standardisiert und nivelliert, seine spirituelle Dimension aber negiert, wird im Drama als gleichsam prototypisches Beispiel in den Vordergrund gestellt (vgl. RO 71). Jedoch wird die moderne, säkulari- sierte und kollektivierte Lebensweise nicht ausschließlich im sowjetrussischen Raum geortet: Aber ähnlich wie er [der prototypische Sowjetbürger; d. Verf.] lebt Mr. Babitt in Ohio, Herr Meier in Berlin, Monsieur Jaques François in Paris. Könnten diese Menschen es noch ertragen, – und die Technik scheint dahin zu führen – nichts mehr zu arbeiten, sondern nur zu denken, einfach nur zu leben? Plötzlich seinem eigenen Spiegelbild, seinem innersten Wesen gegenüber gestellt zu sein und zu merken, daß es da drinnen nichts mehr gibt? Keinen Kern, nur Nerven, nur Hor- mone. (RO 71) Russische Ostern kontrastiert den sowjetischen Biologen Krasin als Repräsen- tanten einer rationalisierten, kollektivierten und säkularisierten Gesellschafts- ordnung mit der christlichen Lehre der unsterblichen Seele des Einzelnen, wobei ein deutlich sowjetkritischer Zug darin zu erkennen ist, dass Themen wie Lager- haft, Verhör, Revolutionsgräuel, Verfolgung Andersdenkender mit Bezug auf das Sowjetregime angesprochen werden. Aber das, worauf Becsis Thesenstück fokussiert, ist nichts spezifisch Sowjetisches oder Kommunistisches, sondern ein Problem der a-religiösen und materialistischen Massengesellschaft schlecht- hin. Ein naturwissenschaftliches, antimetaphysisches Menschenbild in Verbin- dung mit technischem Fortschritt und zunehmender Säkularisierung und Kol- lektivierung werden als Gefahr betrachtet, die auch der westlichen Lebensweise inhärent ist. Technisierung und kapitalistische Leistungsgesellschaft werden in Becsis Drama mindestens ebenso kritisiert wie der sowjetische Staatsterror.44 43 Edwin Rollett: Der Mensch im Kampf der Welt. ‚Russische Ostern‘ von Kurt Becsi – Urauffüh- rung in der Tribüne. In: Wiener Zeitung, 7.4.1959, S.  5. 44 Zum Verhältnis von Moderne und totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts vgl. Jörg Baberow- ski: Moderne Zeiten? Einführende Bemerkungen. In: Ders. (Hg.): Moderne Zeiten? Krieg, Revo- lution und Gewalt im 20.  Jahrhundert. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2006, S.  7–11. Der andere Kalte Krieg: Das Christentum im Kampf mit dem Totalitarismus 199
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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