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ist, um sich selbst zu retten, sondern vom Ausland aus wirken wollte, schließlich
seine Rückreise bewerkstelligen konnte, jedoch sogleich festgenommen wurde.
Der ehemalige, nun durch Folter erblindete Lehrer erklärt im Gespräch, dass
das Verhältnis von Macht und Ohnmacht nicht so sei, wie es scheint. Die Macht
des politischen Regimes sei sichtbar und insofern ‚äußerlich‘ – die religiöse Macht
hingegen sei verborgen und werde dennoch in letzter Konsequenz siegen. Der
Pater weiß, dass er genau aufgrund solcher Ansichten dem politischen Regime
ein Dorn im Auge ist: „Es ist wahr, daß ich die Jugend anhielt, allem äußeren
Schein zu mißtrauen.“ (B 61) Als der Leutnant die Kirche als Machtinstanz in
Frage stellt, verweist Pater Leonardo auf immaterielle, geistige Werte: „LEUT-
NANT: [...] Doch seine Kirche, die auserwählte Gemeinde – LEHRER: Verwund-
bar in ihrer sichtbaren Macht. Doch lebt sie in uns – wir sind die wahre Kirche.“
(B 63) Der Leutnant erklärt daraufhin, er habe das Vertrauen in Gott verloren
und sei den Verheißungen der Partei gefolgt, was der Pater die „Botschaft vom
Paradies auf Erden“ (B 64) (vgl. Kapitel
11: Frieden, Freiheit, Propaganda) nennt.
Die diesseitige, sichtbare und materielle Macht wird so der jenseitigen, unsicht-
baren und religiösen gegenübergestellt. Auf der Ebene der weltlichen Macht
bleibt das Regime am Ende des Dramas Sieger, da der Leutnant degradiert und
auf ein Himmelfahrtskommando geschickt, der Ordenspriester exekutiert wird,
jedoch ist der Parteisekretär, der den Test geleitet hat, unzufrieden, da er die
‚Herzen und Hirne‘,47 um die im Kalten Krieg ebenso gekämpft wird wie um
militärische Macht und ökonomisches Kapital, auf der Seite des Katholizismus
und nicht des politischen Regimes weiß.
Schwarz’ Drama weist durch seine Gegenüberstellung von Religion und tota-
litärem Regime auf eine spezifische ideologische Dimension des Kalten Krieges
hin. Der antimaterialistische, religiöse Standpunkt tendiert dazu, die bipolare
Konzeption des Kalten Krieges zu verschieben: Die säkularisierte, auf Diessei-
tigkeit und Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen fokussierte Welt-
sicht moderner politischer Systeme wird religiösen, besonders katholischen,
Werten gegenübergestellt, die mit der individuell gedachten Seele verbunden
werden. So kann die Opposition zwischen sowjetisch und US-amerikanisch
dominierten und beeinflussten Staaten in der Darstellung entfallen wie in den
Dramen von Becsi und Schwarz. Diese positionieren sich dennoch insofern ein-
deutig prowestlich, indem sie sich der expliziten Kritik an westlichen Staaten,
insbesondere der USA enthalten. Diese Positionierung ermöglichte den Autoren
die konkrete Zusammenarbeit mit US-amerikanisch finanzierten Institutionen.
So wurde Schwarz 1969 als Leiter eines amerikanisch-österreichischen Aus-
47 „The issue of personal salvation, traditionally their [religious leaders] domain, had now beco-
me politically relevant, as the Cold War was perceived as not only a military struggle, but also
one for the hearts and minds of the population.“ Scheer: Catholic Piety, S. 130.
Der andere Kalte Krieg: Das Christentum im Kampf mit dem Totalitarismus 201
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918