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hinsichtlich seiner Bezüge auf das System des Stalinismus kritisiert wird: Er ver-
suche, „[w]as es in der Sowjetunion nicht gibt und im Kommunismus nicht geben
kann, dennoch als Produkt der ‚Entwicklung‘ in einer späteren Zeit als gegeben,
als tatsächlich anzunehmen und dagegen zu polemisieren“.53 Dagegen identifi-
ziert eine Rezension in der Arbeiter-Zeitung die „geistig(e) Angst der west-
lichen denkenden Welt von heute“, die der Roman vorführt, „aus dem starken
Eindruck des expansiven und konzentrierten Totalitarismus unserer Tage“54.
Ebenso wie in George Orwells Nineteen Eighty-Four ist in Der achte Tag der Tota-
litarismus Ausdruck „eiskalter rationaler Menschen- und Gesellschaftsbeherr-
schung“.55 Heer amalgamiert Faschismus und Stalin’schen Kommunismus sowie
Elemente der amerikanischen Gesellschaft, um daraus seine Vision einer düs-
teren Zukunft zu entwickeln.
Die Erzählung besteht aus den rückblickenden Aufzeichnungen des Protago-
nisten John Percy Brown, eines jungen Politfunktionärs. Das Vorwort der fikti-
ven Herausgeber seiner Aufzeichnungen behauptet, dass es sich bei dem Text
um eine von „Brüdern“ (AT 7) überarbeitete und ins Deutsche übersetzte Fas-
sung einer „Urschrift“ Browns handelt, die als Beweismittel in einem Prozess
gegen ihn verwendet wurde. Dort wurde er zur Haft in einem „Arktis-Arbeits-
lager“ (AT 7) verurteilt, wo er zehn Jahren später starb. Die Herausgeberfiktion
inszeniert das Folgende also als brisanten Widerstandstext. Browns Aufzeich-
nungen konzentrieren sich auf eine kurze Zeitspanne, die er acht Jahre vor sei-
nem Prozess als Teilnehmer eines Schulungskurses in Wien verbracht hat. Dort
besichtigte er unterschiedliche Institutionen wie Fabrikskombinate, Arbeitslager
für Künstler, Treffpunkte der High Society, die Ausstellung „Kunst des vorwis-
senschaftlichen Zeitalters“ im Stephansdom (AT 118), eine gigantische Wehr-
anlage, die von Zwangsarbeitenden erbaut wurde, eine Zuchtanstalt für unter-
schiedliche Menschentypen oder eine Kampfsportveranstaltung, die an antike
Gladiatorenkämpfe erinnert. Während dieser Schulungswoche lernt Brown durch
seine Reiseleiterin Tanja Maier eine christliche Untergrundorganisation kennen,
der er sich vorsichtig annähert, da sie Werte wie Nächstenliebe, Selbstlosigkeit
und Spiritualität vertritt, die vom herrschenden Regime verworfen und unter-
abgedruckt in: Viktor Suchy: Zukunftsvision des 20. Jahrhunderts. Der utopische Roman der
Gegenwart als Diagnose der Zeit [1952]. In: Heinz Lunzer (Hg.): Viktor Suchy. Studien zur
österreichischen Literatur. Wien: Dok. f. neuere österr. Lit. 1992, S. 29–70.
53 Martin Rathsprecher: Die Antwort. Literarische Angstträume. In: Tagebuch 5 (1950) H. 20,
16.9.1950, S. 3.
54 Felix Hubalek: Die Utopie der Gegenwart oder: Der trübe Blick in die Zukunft. In: Die Zukunft.
Sozialistische Monatsschrift für Politik, Wirtschaft, Kultur 5 (1950) H. 8, S. 213–
215, hier 213 ff.
55 Norbert Leser: Konturen des dritten Jahrtausends. In: Forvm 11 (1963) H. 118, S. 460–464,
hier S. 461. Materialismuskritik als dritte Position 203
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918