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Jugend haben. Leder, Stahl, Windhunde, der Hinweis auf das Material, der Tech-
nik und das animalische Produkt raffiniertester Züchtung weisen die Basis dieses
Denkens aus. Der Mensch, zum ‚Menschenmaterial‘ geworden, kann wie Hund
und Rind zurechtgezüchtet, wie industrielle Werkstoffe genormt werden.59
Hier erwähnt Heer eine durch Terrormethoden eines auf Produktionssteigerung
ausgerichteten Regimes geformte Masse – eine „massa damnata“. Die Begriffe
von Masse und Materie werden bei Heer keineswegs negativ gewertet, sondern
als neutrale Entitäten, die entweder eine „sorgfältige Bergung [...] durch einen
neuen politischen Humanismus, durch eine sozialistische Bewegung, durch eine
Demokratie“60 erfahren oder einer „Machtübernahme, neue[n] Überherrschung“
ausgesetzt sind. Gerade vor dem Hintergrund der Beherrschbarkeit der Materie
wird in Heers Texten um 1950 der Materialismusbegriff mit säkularisierten und
zum Totalitarismus neigenden Systemen assoziiert. Der achte Tag entstand ab
Sommer 1949,61 fällt also genau in den Zeitraum,62 in dem auch ein Zeitschrif-
tenbeitrag entstand, in dem Heer betont,
[…] daß die KZ-Welt prinzipiell keineswegs auf den Osten beschränkt ist – wir
unterstrichen, daß sie eine Versuchung für die gesamte materialistische Moderne
darstellt –, für Ost und West, Nord und Süd. [...] für den Menschen der atheis-
tischen Moderne bedeutet das KZ, das Lager in all seinen Schattierungen eine
ungeheure Versuchung – es ist die letzte Illusion der Illusionslosen –, es erscheint
als die Chance, Welt und Kosmos einem verzweifelten unbändigen Willen, alles
zu ändern, zu unterwerfen. Die Chance, Gott auf Erden zu werden.63
59 [Heer:] Tat und Technik des Terrors, S. 1.
60 Heer: Das Kommunistische Manifest als religiöses Dokument, S. 10.
61 Vgl. Dennis Lewandowski: Hermann Gohde: Der achte Tag (1950). Friedrich Heers Roman
einer Weltstunde im Kontext zeitgenössischer Literatur. Frankfurt/M. [u.a.]: Lang 2011, S.
72.
62 Ab spätestens 1954 konzentriert sich Heers Kritik weniger auf materialistische, mechanistische
Terrorsysteme als vielmehr auf verschiedene Formen des Dogmatismus, der Feindbildgenerie-
rung und des Machtkampfs. Ein Text, der Verbindungslinien zwischen dem „Massenmenschen“,
der in die „Mechanik seines Tages“ eingespannt ist, und dem Absolutheitsanspruch einzelner
Parteien, Nationen und anderer Gruppen zieht, ist: Friedrich Heer: Eine Frage an den Men-
schen von Heute. In: Ders.: Gespräch der Feinde. Wien, Zürich: Europa 1949, S.
127–164. Auch
Evelyn Adunka geht davon aus, dass Heer in Gespräch der Feinde „für eine radikale Entwelt-
lichung und -politisierung des Christentums eintritt“. Eyelyn Adunka: Friedrich Heer (1916–
1983). Eine intellektuelle Biographie. Innsbruck, Wien: Tyrolia 1995, S. 157.
63 Friedrich Heer: Das Heil aus den Lagern? In: Die österreichische Furche 6 (1950) H. 6,
4.2.1950, S.
3. Zu dem hier von Heer gebrauchten Modernebegriff ist auf den von Papst Pius
X.
1910 eingeführten „Oath against Modernism“ zu verweisen, den neugeweihte Priester zwischen
1910 und 1967 zu leisten hatten. Vgl. Scheer: Catholic Piety, S. 132.
Materialismuskritik als dritte Position 205
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918