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Mit seiner Kritik an der katholischen Kirche, am Bündnis von US-Politik und
Kirche, an der menschenverachtenden Lagerwelt in der Sowjetunion68 und des
Nationalsozialismus eckt Heer rundherum an.69 Ein Rezensent charakterisiert
die Darstellung des Staates in Der achte Tag, in dem die totalitäre Regierung
„noch allmächtiger als Gott“ ist, als „Schau eines Zukunftslandes, wo moskowi-
tische, hitlerische und amerikanische Zukunftsmöglichkeiten zu Ende geträumt
sind“.70 Im kommunistischen Tagebuch wird die antikollektivistische, antima-
terialistische Haltung des Romans angeprangert, die behauptet, „durch die
berühmte ‚Läuterung‘ des einzelnen wäre die Welt zu erlösen“71 und die dem
„wissenschaftlichen“ Zeitalter teuflische Eigenschaften unterstellt. Aber auch der
antikommunistische Katholik Ignaz Zangerle kritisiert Heer als „Spiritualist“,
der durch seine Verdammung aller weltlichen Mächte die Christen entmutige
und dessen Roman unrealistisch wäre: „Deine ‚Heiligen der vorletzten Tage‘ sind
auch in Zukunft nicht realisierbar.“72 Heers Bedrängnis von dieser Seite wird
in einem Brief an den westdeutschen Autor Reinhold Schneider deutlich:
Stehe jetzt im Kampf um meine Haut. Von links und rechts, von oben bis un-
ten wirft man mir vor, dass ich durch meine ‚Romantizismen‘, Eschatologien etc.
die Furche bolschewisiere. Seit ein führender roter Prälat [hs. angefügt: „diese
Funktionäre gleichen sich sehr“], der Chefredakteur der Wiener Arbeiterzeitung
[Oscar Pollak; d. Verf.], vor Weihnachten, den Kampf gegen mich eröffnet hat,
kommt es nicht mehr zur Ruhe. Mein Chef [Friedrich Funder] hat einen schweren
68 Vgl. dazu auch die Diskussion zwischen Ernst Fischer und Friedrich Heer im Tagebuch und
in Die österreichische Furche: Friedrich Heer: Die Welt ohne Fenster. In: Die österrei-
chische Furche
5 (1949) H.
49, 3.12.1949, S.
3. Ernst Fischer: T[age]B[uch] diskutiert: Spre-
chen wir von den Konzentrationslagern! In: Tagebuch 5 (1950) H. 2, 19.1.1950, S. 4. Franz
Kittel: TB diskutiert: Sprechen wir von den Konzentrationslagern! Antwort an Ernst Fischer.
In: Tagebuch
5 (1950) H.
3, 4.2.1950, S.
4. Gustav Wegerer: T[age]B[uch] diskutiert: Sprechen
wir von den Konzentrationslagern! Probst Grüber gegen Kogon und Rousset. In: Tagebuch
5
(1950) H. 3, 4.2.1950, S. 4. Friedrich Heer: Das Heil aus den Lagern? Ernst Fischer: T[age]
B[uch] diskutiert: Arbeitslager ohne Mythologie. Antwort an Dr. Friedrich Heer. In: Tage-
buch
5 (1950) H.
4, 18.2.1950, S.
4. Kurt Dichtl: T[age]B[uch] diskutiert: Lieber Freund Kittel!
In: Tagebuch 5 (1950) H. 4, 18.2.1950, S. 4.
69 Zur Rezeption von Der achte Tag allgemein vgl. Dennis Lewandowski: Friedrich Heers utopi-
scher Roman Der achte Tag (1950) im frühen Presseecho. In: Mitteilungen aus dem Brenner-Ar-
chiv 30/2011. Innsbruck: Innsbruck Univ. Press 2011, S. 97–107. http://www.uibk.ac.at/bren-
ner-archiv/mitteilungen/links/miba_30_2011.pdf, [zuletzt aufgerufen 29.9.2015].
70 Georg Wolf: Heile und unheile Welt. Gedanken zu zwei Romanen. In: Stimmen der Zeit.
Katholische Monatsschrift für das Geistesleben der Gegenwart (1950) Bd. 148,
S. 469 f., hier S. 469.
71 Rathsprecher: Die Antwort. Literarische Angstträume, S. 3.
72 Ignaz Zangerle: Ebenso offen? Eine Antwort. In: Der Volksbote. Unabhängige österrei-
chische Wochenzeitung 50 (1950) H. 38, 24.9.1950, S. 5.
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208 5 Materialismus versus Christentum
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918