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Stand, will mich halten – aber, wie wird der Preis sein? Nicht wenige wünschen
mich abgeurteilt – sozusagen wegen Wehrkraftzersetzung – unsere Stellungnah-
me gegen die Atombombe hat, neben Abbestellungen, ein wütendes Echo im ka-
thol. Lager ausgelöst. –73
Heers Kritik an der Dienstbarmachung der „äußeren Naturkraft“ der Atomspal-
tung stellt einen Angriff gegen beide Großmächte des Kalten Krieges dar; seine
Betonung der Notwendigkeit von Gesprächsbereitschaft erscheint Antikommu-
nisten wie Zangerle gefährlich „in einer Zeit, die den Mord, die Folter, die Skla-
verei und Lüge von staatswegen kennt“74 und in der demnach eine über- und
unpolitische Haltung problematisch sei. In Der achte Tag wird die Kirche aber
gerade durch ihre Verbindung mit der weltlichen Macht in ihrer „Substanz“ zer-
stört, durch die allein sie sich von der materialistischen Welt des dystopischen
Romans abzuheben vermag. Noch 1977 imaginiert Heer einen durch innere
Ruhe ausgezeichneten ‚neuen Menschen‘, der „unzerstörbar [sei] durch den Ter-
ror der Supermächte, die heute durch ihre Übermacht und ihre Ohnmacht
erschrecken“.75 Da auch die USA zu den Supermächten des 20. Jahrhunderts
gehören, zeigt sich in diesem Statement Heers ‚dritte Position‘ im Kalten Krieg,
die 1949/50 in Verbindung mit einem antimaterialistischen, modernekritischen
Diskurs auftritt.
Die materielle Verführung: Hans Friedrich Kühnelt:
Straße ohne Ende/Die Optimisten
Der österreichische Dramatiker Hans Friedrich Kühnelt verfasste Anfang der
1960er-Jahre zwei Dramen, die wie Der achte Tag als Kritik an beiden Groß-
mächten des Kalten Krieges gelesen werden können und ebenfalls moderne- und
materialismuskritisch argumentieren. Das frühere – Straße ohne Ende – erlebte
seine Uraufführung immerhin im Wiener Burgtheater (12.6.1963), sei aber laut
Hans Heinz Hahnl „mehr oder weniger durchgefallen“,76 das spätere und radi-
73 Friedrich Heer an Reinhold Schneider, Brief vom 26.1.1951. Badische Landesbib. Karlsruhe,
Sign.: K 2875.
74 Zangerle: Ebenso offen?, S. 5.
75 Friedrich Heer: Europa: Rebellen, Häretiker und Revolutionäre. Ausgewählte Essays. Hg. v.
Johanna Heer. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 2003, S. 139.
76 Hahnl: Schwierigkeiten eines Preisträgers. 1961 bekommt Kühnelt allerdings den Staatspreis
1960 für Straße ohne Ende, das er um 1960 mit Hilfe eines Stipendiums durch das Burgtheater
verfassen konnte. Vgl. Dolores Maria Bauer: Friedrich Kühnelt: Die Wohnung als Staatspreis.
In: Neues Österreich. Organ der demokratischen einigung, 13.12.1961, S. 6.
Materialismuskritik als dritte Position 209
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918