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kalere – Die Optimisten77 – blieb bis heute unaufgeführt und existiert nur als
Typoskript. Eine Rezension von Straße ohne Ende kritisiert die mangelnde poli-
tische Deutlichkeit des Stückes:
Hier aber liegt ein hochbrisantes Thema vor. Ein entscheidendes. Hier kann man
nicht Märchen erzählen, arabeskenhaft Versponnenes um hilflose Sätze winden,
hinter denen sich blutige Tatsachen verbergen, an denen vorbeigetroffen wird. Es
wird Detail geboten, nicht die Sache selbst.78
Das Drama verlange vom Publikum viel guten Willen, um die politischen Aus-
sagen herausschälen zu können, wobei man letztlich zu dem Schluss kommen
könne, „daß Kühnelt als den wahren Weg aus dem Terror links und der Gewis-
senlosigkeit rechts den der religiösen Demut weist“.79
Was den Rezensenten verstört, ist, dass Straße ohne Ende ein politisches The-
ma aus dem unmittelbaren Diskursraum des Kalten Krieges aufgreift, sich jedoch
nicht eindeutig politisch positioniert, sondern aus einer spirituellen, humanis-
tischen Perspektive Kritik an Egoismus, Massenkonsum und Geistlosigkeit übt,
die als Charakteristika auch der westlichen Welt dargestellt werden. Dabei las-
sen Kühnelts Dramen keinen Zweifel an ihrem antikommunistischen Gehalt
aufkommen, wenn Folter, Denunziation und ein diktatorisches Regime als Grün-
de für die Flucht des Protagonisten Nilpesch aus dem Osten angesprochen wer-
den. Die Stoßrichtung des Dramas liegt quer zur bipolaren Logik des Kalten
Krieges, obwohl sie mit dieser interferiert, und ist einordenbar in den moder-
nekritischen und antimaterialistischen Diskurs. Dies zeigt sich innerhalb der
dramatischen Handlung, die sich am Ende als ein langer Traum herausstellt,
etwa dann, wenn der obdachlose Flüchtling Nilpesch eine Stelle der Heilsarmee
aufsucht, wo er neben einigen Vagabunden, die ihm sogleich seine wertvolle Uhr
abnehmen, einen charismatischen weißbärtigen Mann antrifft, der Geschichten
erzählt und der „Professor“ genannt wird. Er bemerkt den neu zur Gruppe
gekommenen Nilpesch sofort und widmet ihm folgende Geschichte:
„Ein Indianer geht auf die Jagd und läßt sein Zelt auf der Wiese offen stehen.
[...] Es beginnt zu regnen und ein Schwarm von Schmetterlingen sucht Schutz
77 Hans Friedrich Kühnelt: Die Optimisten. Schauspiel in 8 Bildern [entstanden vor 1966; unauf-
geführt]. Fassung 1977. Typoskript: Wien, München: Sessler 1977 [im Folgenden abgek. als
O]. Die Entstehungszeit von Die Optimisten ist schwer zu bestimmen. In einem Interview von
1965 wird das Drama als aufführungsreif beschrieben. Vgl. Wolf-Dieter Hugelmann: 48 und
noch Nachwuchsautor. Kurier-Gespräch mit dem Dramatiker Hans Friedrich Kühnelt. In:
Kurier [blau bedruckte Ausgabe], 30.12.1965, S. 7. Die verfügbaren Versionen des Dramas
sind allerdings auf den 14.8.1972 bzw. das Jahr 1977 datiert.
78 Rismondo: Bei bestem Willen, S. 6.
79 Ebd.
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Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918