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im Zelt. [...] Kaum sind alle drin, schlägt der Wind die Matte des Eingangs zu
und die Schmetterlinge sind gefangen.“ (SE 59) Die Tiere, die gern frei wären,
halten sich eher am Zeltgrund „[w]o mehr Platz ist“. (SE 59)
Nur ein kleiner Zitronenfalter, der gibt nicht auf. ‚Wir müssen hinauf! Wir sind
für Luft und Wolken und Himmel geboren!‘ – ‚Oben wird das Zelt immer enger
und dunkler, wir werden uns die schönen Flügel brechen!‘ meinen die anderen
und so kommt es, daß der Zitronenfalter allein höher fliegt, in immer kleineren
Kreisen. Seine Flügel schlagen schon an die Zeltwände, da trifft ihn plötzlich ein
Lichtstrahl [...] Er klettert das letzte Stück hinauf, (der Professor schaut Nilpesch
an) macht sich so schmal und unscheinbar, als er kann – (der Professor schaut
wieder nach oben) – und durch ist er! (SE 59 f.)
Die Erzählung spielt mit der Allegorie des dunklen, engwandigen Zeltes auf Nil-
peschs schweren Lebensweg als Ostflüchtling an, der aber schlussendlich nach
„oben“ zum „Licht“ führen soll. Dazu ist es aber nötig, sich „klein und unschein-
bar“ zu machen, anstatt – wie Nilpesch es zunächst tatsächlich tun wird – dem
machtpolitischen und materiellen Größenwahn zu verfallen. Er gerät – ebenfalls
im Westen – in die Firma „Für jeden etwas“, in deren Büro phrasenhafte Auf-
schriften angebracht sind, die zu Egoismus und Anhäufung materieller Güter
ermuntern: „Wie man sich bettet, so schläft man“,80 „Das Geld, der beste Freund
des Menschen“, „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, „Reichtum ist keine Schande“,
„Der Wille zur Macht“,81 „Jeder ist sich selbst der Nächste“ (SE 65). Das Büro
wird von dem geltungssüchtigen, durch Rüstungsgeschäfte reich gewordenen
Archimedes geleitet, der Nilpesch als politischen Strohmann missbraucht und
ihn mit materiellen Dingen und einer öffentlichen Machtposition ködert.
Im letzten Akt befindet sich Nilpesch in „einer Phantasieuniform, welcher
[sic!] mit Orden behängt ist“ (SE 80), er wird mit „Exzellenz“ angesprochen und
residiert in einem Komplex aus Flugzeughallen, deren Wände beliebig ausge-
dehnt werden können. In einer der Hallen wird ihm ein marmornes „Kolossal-
denkmal“ errichtet. Die materiellen Werte lenken Nilpesch von Gedanken an
80 Eine Variation dieses Sprichworts verwendet auch Bertolt Brecht in einem Song seiner erfolg-
reichen Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny (1929/30), um die Mentalität in einer
radikal-kapitalistischen Welt zu charakterisieren. „Denn wie man sich bettet, so liegt man / Es
deckt einen keiner da zu / Und wenn einer tritt, dann bin ich es / Und wird einer getreten, dann
bist’s du.“ Bertolt Brecht: Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny. In: Ders.: Werke, Bd.
2, Stü-
cke 2, bearb. v. Jürgen Schebera. Berlin, Weimar: Aufbau u. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1988,
S. 333–392, hier S. 373 f.
81 Unter diesem Titel wurden seit 1906 immer wieder Kompilationen von Texten des Philosophen
Friedrich Nietzsche von dessen Schwester herausgegeben, die in der Zeit des Nationalsozialis-
mus für Propagandazwecke missbraucht wurden. Materialismuskritik als dritte Position 211
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918