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seine eigenen, aus fehlender „Nächstenliebe und Menschlichkeit“ (SE 89) began-
genen Fehler ab.82 Er erklärt dies mit seiner Erziehung im Osten:
Ich weiß nichts von Menschlichkeit! Ich bin vom Staat erzogen! --- Als Kind von
vier Jahren kam ich in die staatliche Erziehungsanstalt! […] – Später in der Schu-
le, lernten wir, daß Familie, Religion und Gott reaktionäre Begriffe sind und daß
der Mensch allein der Partei gehört. (SE 89 f.)
Kühnelts Drama verortet die Problematik egoistischen Verhaltens also sowohl
im totalitären Sowjetkommunismus als auch im kapitalistischen Konkurrenz-
kampf. Die Flucht in den Westen bedingt daher nicht automatisch humaneres
Verhalten. Dieses bedarf der Selbstreflexion und der bewussten Entscheidung
zu einer humanistischen Ethik, wie sie Religionen anzubieten vermögen.
Nilpesch erzählt, dass er versucht hatte, sich dem totalitären System anzupas-
sen, worauf die anderen Flüchtlinge seine geistige Korruption feststellen, gegen-
über der die körperlichen Repressionen durch das Terrorregime nebensächlich
seien:
Der Flüchtling II: (erst nach einer Pause) Du hast mehr mitgemacht als wir. – Uns
hat man eingesperrt, ujs [sic!] hat man gefoltert – das ging vorbei.
Der Flüchtling V: Dir hat man die Seele gestohlen. (SE 90)
Das Stück verurteilt zwar das kommunistische Regime, das Nilpesch zum Ego-
isten und Atheisten erzogen hat, doch wird zugleich das jeweilige soziokulturel-
le Umfeld gegenüber dem ‚freien Geist‘ des Individuums als relativ unbedeuten-
der Faktor gewertet. Die geistige Korruption des Individuums, die innerhalb des
Dramas durch Streben nach ökonomischem und symbolischem Kapital erwirkt
wird, erscheint als ‚allgemeinmenschliches‘ Problem, das deshalb nicht glaub-
haft allein auf die sowjetisch dominierten Staaten projiziert werden kann.
Die Optimisten konzentriert sich wesentlich stärker als Straße ohne Ende auf
die Kritik eines totalitären Regimes, das wiederum deutlich sowjetische Züge
aufweist. Das Drama stellt in grotesk-allegorischer Form ein totalitäres System
in der Allegorie eines Hotels dar, das diesen Namen nur zum Hohn trägt. Es
handelt sich um einen etwa 90-stöckigen „gigantischen Hotelrohbau [...]“ (O 5),
in dem regelmäßig Personen zu Tode kommen, da die materiellen Bedingungen
für die ‚Gäste‘ lebensgefährlich sind. Unzureichende, schlechte Ernährung,
Absturzgefahr und Kälte bedrohen das Leben der Hotelbewohner, die nur mit
82 Nilpesch wirft sich vor allem die Unterlassung von Hilfeleistung an Freunden und Bekannten
in der Sowjetunion vor. Diese wurden unschuldig verhaftet, ohne dass Nilpesch sich für sie
eingesetzt hätte.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
212 5 Materialismus versus Christentum
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918