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zwei Welten. Die Kriegstragödie einer genialen Zeit (1949) 95 des 1900 in Prag
geborenen Rudolf Geist zu nennen. Der rund 450 Seiten lange Text ist in weiten
Teilen von Erörterungen politischer, religiöser und naturphilosophischer Fra-
gestellungen geprägt. Dabei wird oft ein pathetischer Sprachgestus verwendet,
welcher der Ernsthaftigkeit entspricht, mit der die Thematiken der Weltpolitik
und des Weltfriedens behandelt werden.
Die gespannte weltpolitische Lage im Kalten Krieg bildet den Rahmen der
Handlung des Romans, der von utopischen technischen Neuerungen, insbeson-
dere Massenvernichtungswaffen, erzählt. In dieser Situation erfindet eine sow-
jetische Wissenschaftlerin namens Rosa Serjewtschikowa, die mit Kollegen in
ein abgelegenes Forschungslabor verbannt wurde, ein ‚transoptisches Gerät‘, das
die Beobachtung fernster Planeten wie aus nächster Nähe ermöglicht. Dieses
Gerät erregt weltweit Aufsehen und bringt die Ambivalenz von Wissenschaft
und Technik unter den Verhältnissen eines instabilen Weltfriedens zum Vor-
schein. Das Gerät kann einerseits zu Zwecken des Krieges wie Spionage oder
Aneignung neuer Waffentechnologien, andererseits zur Beobachtung außerir-
discher Zivilisationen und mithin einer nationenübergreifenden Reflexion über
unterschiedliche globale Lebensentwürfe genutzt werden. Die Beobachtung eines
erdähnlichen Planeten, der durch einen Ost-West-Konflikt vollends zerstört
wird, vermag den Ausbruch eines dritten Weltkrieges auf der Erde nicht zu ver-
hindern. In letzter Minute rettet die Wissenschaftlerin Serjewtschikowa die Erde
vor der restlosen Entvölkerung, worauf der Text in eine politische Utopie über-
geht. Es werden Reformen umgesetzt, die einen Weltfrieden garantieren sollen.
Auch der technische und wissenschaftliche Fortschritt werden im Zusam-
menhang mit dieser Neuordnung der Welt nach dem dritten Weltkrieg bewusst
eingestellt. Dies geschieht im Zusammenhang mit einer religiös motivierten
Zurücknahme menschlichen Machtstrebens. Wissenschaftliche Errungenschaf-
ten werden als ein Eindringen in einen Bereich dargestellt, der besser der Schöp-
fungsinstanz Gott vorbehalten bliebe, zumal die Menschen durch Hass, Angst,
Unwissenheit, vor allem aber auch bestimmte politische, rechtliche und soziale
95 Nick N. Nobody [d. i. Rudolf Geist]: Augenzeuge Menschheit. Ein Roman von zwei Welten.
Die Kriegstragödie einer genialen Zeit. Unveröffentlichtes Manuskript 1949, S. 329. [im Fol-
genden abgek. AM]; Der Autor bot das fertige Manuskript am 26. September 1949 dem
Erwin-Müller-Verlag an, der es am 25. Oktober wegen der wirtschaftlichen Notsituation im
Verlagswesen ablehnte. Vgl. Erwin-Müller-Verl., Brief von einem Mitarbeiter an Rudolf Geist
am 25.
Oktober 1949. Für Einsicht und Zitierrecht in das Romanmanuskript, relevante Korre-
spondenz und gesammelte Zeitungsartikel von und zu Rudolf Geist danken wir Till Geist,
Rudolf Geist Archiv, Spittal an der Drau. Zur Notsituation der Verlage vgl. Heinz Lunzer: Der
literarische Markt 1945 bis 1955. In: Friedbert Aspetsberger, Norbert Frei, Hubert Lengauer
(Hg.): Literatur der Nachkriegszeit und der fünfziger Jahre in Österreich. Wien: ÖBV 1984,
S. 24–45. Materialismuskritik als dritte Position 219
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918