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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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Das Volk auf den Straßen aber trottete gleichgültig mit den dunklen Augenhöhlen über den Asphalt, und man konnte fühlen, daß das Bewußtsein, von Würmern, Amöben und Schleimtierchen abzustammen, welches ihnen in den Schulen ein- geimpft wurde, tief in ihnen drinnen saß. (M 40) Die darwinistische Lehre, die den Menschen nicht als Gottes Ebenbild, sondern als Abkommen einfacher Lebensformen darstellt, bedingt deren Selbstassozia- tion mit der pflanzlichen, tierischen und anorganischen Welt, was in der „fak- tizistischen“ Lehre gipfelt, die der personifizierte Teufel namens Zdzisław Zby- gniewicz Godlewski in Umlauf bringt und der auch Uljans Sohn verfallen ist. Dieser erklärt: Die Masse ist alles! Nicht nur alle Menschen, sondern auch alle Tiere, alle Pflan- zen, alle Minerale, alle Maschinen, Möbel, Felsen und Gewässer. [...] Die Anzie- hungskraft der Erde gab uns Sohlen, die Luft Lungen und Poren, das Licht Augen, die Speisen neue Zellen. Nur anthropozentrischer und amerikanischer Hochmut stellen den Menschen über das Tier [...] Arbeitet nicht auch der Motor, denkt nicht auch die Rechenmaschine […]? (M 124) Diese Lehre bezieht sich deutlich auf die eingangs des Kapitels angesprochene diskursive Wende des 19.  Jahrhunderts, die Motor und Mensch als energieum- wandelnde Entitäten gleichsetzte. Zugleich wird mit dem Verweis auf die Rechen- maschine die neueste Entwicklung der Technik des 20.  Jahrhunderts einbezogen, die in der Tradition der industriellen Revolutionierung gesehen wurde. Die Her- leitung der körperlichen Merkmale des Menschen (Sohlen, Lungen, Poren, Augen  ...) aus der Praxis und der materiellen Umwelt referiert einerseits auf frü- here naturwissenschaftliche Diskurse wie die Evolutionstheorie von Jean-Bap- tiste de Lamarck, andererseits auf die in der Sowjetunion verbreitete, mit der Evolutionstheorie Charles Darwins konkurrierende Theorie Trofim Lyssenkos. Diesen unterschiedlichen Theorien ist gemeinsam, dass sie die physischen Bedin- gungen der Lebewesen (nicht aber eine höhere, göttliche Macht) zum Grund der menschlichen Entstehung machen. In Moskau 1997 wird somit der gesamte naturwissenschaftliche Evolutionsdiskurs mit seinen unterschiedlichen Stand- punkten verworfen, was freilich auch auf den westlichen Darwinismus und Materialismus abzielt. Immer wieder wird jedoch der sowjetische Staatsterror in Kuehnelt-Leddihns Roman mit dem verordneten Atheismus enggeführt. So werden die Sowjetbür- ger des Romans nicht nur in dem Bewusstsein gehalten, sich kaum von niederen Tieren zu unterscheiden, sondern analog dazu auch Automatismen des Staats- apparates unterworfen, der sie als bloßes Menschenmaterial behandelt: Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR 226 5 Materialismus versus Christentum
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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