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ten Gegenraum konzipiert. Allerdings werden die USA und besonders das unab-
hängige England im Roman nicht kritiklos dargestellt, da die Personen in diesen
Gebieten Frömmigkeit oft nur vortäuschen. Als vorbildlichen Kulturraum
beschreibt Kuehnelt-Leddihn in einem essayistischen Text von 1949 nicht das
moderne, sondern das historische Amerika:
Wie wenige von uns sind sich zum Beispiel bewußt, daß Amerika am Anfang
des neunzehnten Jahrhunderts eine zwar einfache, aber doch völlig in sich abge-
rundete, harmonische und zutiefst organische Kultur besessen hat. Schließlich ist
die große kulturelle Unfruchtbarkeit des späten neunzehnten und auch unseres
Jahrhunderts nicht ein trauriges amerikanisches Privileg, sondern eine Gesam-
terscheinung des einst so christlichen Abendlandes, als dessen westlicher Flügel
Amerika anzusehen ist.110
Die Assoziation Amerikas mit einer ‚geistigen Freiheit‘ ist für den Autor der
springende Punkt.111 In Moskau 1997 zeigt sich die Differenz zwischen Amerika
und der atheistischen Sowjetunion vor allem zu dem Zeitpunkt, an dem die
Weltbevölkerung das Ende der Welt angesichts eines sich der Erde nahenden
Kometen gekommen glaubt. Während in der christlichen westlichen Welt die
verbleibende Zeit mit Gebeten ausgefüllt wird, entfaltet sich in der Sowjetunion
eine Hölle von gegenseitigem Mord- und Totschlag, Vergewaltigung und Zer-
störung, da mit der irdischen Welt für die atheistische Bevölkerung der Sowje-
tunion jede Werthaltung und jeder Sinn verloren geht. Am Ende siegen in Mos-
kau 1997 schließlich die USA über die in Chaos versinkende Sowjetunion und
der Text endet mit einer pathetischen Verherrlichung des Christentums und dem
in Großbuchstaben gesetzten Wahlspruch des Karthäuserordens (vgl. Kapitel
4:
Totalitarismus).
110 [Chester F.] O’Leary [i.e. Erik v.Kuehnelt-Leddihn]: Die Urväter Amerikas. Wien: Amandus
1949, S. 10.
111 Vgl. zu Kuehnelt-Leddihns Amerika-Bild auch Erik von Kuehnelt-Leddihn: Amerika – Leit-
bild im Zwielicht. Beiträge zu einer Entmythologisierung. Einsiedeln: Johannes 1971. Sowie
den Roman: Erik von Kuehnelt-Leddihn: Die Gottlosen. Salzburg, Stuttgart: Bergland 1962. In
Die Gottlosen wird das als negatives Beispiel gedachte Leben eines ‚gottlosen‘ ungarisch-deut-
schen Auswanderers in den USA während des zweiten Weltkriegs geschildert. Der Autor betont
allerdings, dass die Umgebung relativ willkürlich sei: „Diese Erzählung gibt uns keineswegs
ein Bild Amerikas ‚wie es leibt und lebt‘“. (Klappentext.) Sowie den autobiographischen Reise-
bericht: Erik v. Kuehnelt-Leddihn: Amerikas Gesellschaft u. Amerikas katholische Christen.
In: Ders.: Weltweite Kirche. Begegnungen und Erfahrungen in sechs Kontinenten 1909–1999.
Stein am Rhein: Christiana 2000, S. 103–113.
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228 5 Materialismus versus Christentum
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918