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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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Lager ideologisch höchst aufgeladen. Im nationalsozialistischen Deutschland erschienen Augenzeugenberichte von Gulag-Überlebenden, die der Goebbel’schen Propaganda als willkommene Nahrung dienten und deshalb außerhalb des Hit- lerreiches als gefälscht galten, etwa Erich Müllers Die russische Wanderung9 oder Die größte Sklaverei der Weltgeschichte10 des österreichischen Moskau-Exilanten und Exkommunisten Kajetan Klug, dessen „Tatsachenbericht aus den Strafgebie- ten der G.P.U.“ eine Auflage von mehreren hunderttausend Exemplaren erreich- te. Im Rückblick schreibt der österreichische Kulturpublizist Wolfgang Kraus an Manès Sperber nach Paris: Wahrscheinlich hat man im Bereich Hitlers über die stalinistischen Ungeheu- erlichkeiten die meiste Wahrheit erfahren können, allerdings nur jeweils in der aggressiven Phase. Während des Paktes [gemeint ist der 1939 geschlossene Nicht-Angriffspakt zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion; Anm. d. Verf.] drehte man die Wahrheit ab wie einen Wasserhahn. Wenn ich heute zu- rückdenke, sehe ich, wie schwer es ist, in dem Gemisch von Lüge, Verleumdung und Wahrheit die Wahrheit tatsächlich zu erkennen, denn neben dieser Wahrheit über Stalin las man die fürchterlichsten Lügen über die gloriose deutsche Wirk- lichkeit.11 Dieses „Gemisch von Lüge, Verleumdung und Wahrheit“ kennzeichnete auch die Debatte über die sowjetischen Zwangsarbeitslager im Kalten Krieg. Auf der einen Seite erschienen die Berichte über den Gulag vielen Linken als Teil der allgegenwärtigen antikommunistischen Kampagnen und damit als unglaubwür- dig. Und tatsächlich wurden die Zeugnisse der Gulag-Überlebenden von den Kalten Kriegern im Westen für ihre politischen Zwecke instrumentalisiert. Die Sowjetunion wurde als gigantisches Zwangsarbeitslager dargestellt, die sowjeti- schen „Konzentrationslager“ als Beweis für die Gleichheit von Kommunismus und Nationalsozialismus ins Treffen geführt. Diese Instrumentalisierungen tun freilich dem Wahrheitsgehalt der jeweiligen Augenzeugenberichte keinen Abbruch. Doch die Erinnerungen an die NS-Propaganda und die Hysterie, mit der etwa der US-Senator Joseph McCarthy und das HUAC („Komitee für un a- 9 Müllers Buch erschien unter dem Pseudonym Matthias Pförtner (Die russische Wanderung. Erlebnisbericht, Dessau: Rauch 1942). Vgl. dazu Rohrwasser: Der Stalinismus und die Rene- gaten, S. 101–104. 10 Kajetan Klug: Die größte Sklaverei der Weltgeschichte. Tatsachenbericht aus den Strafgebieten der G.P.U. Aufgezeichnet von Karl Neuscheler. Berlin: Eher 1941. Vgl. dazu Barry MacLoug- hlin, Josef Vogl: …  ein Paragraf wird sich finden, S.  315  f. 11 Wolfgang Kraus an Manès Sperber, 20.1.1974, Literaturarchiv der Österreichischen National- bibliothek, Nachlass Wolfgang Kraus, ÖLA  63/97, ohne Sign. Anlass für Kraus’ Brief war das Erscheinen von Alexander Solschenizyns Archipel GULAG. Die Gulag-Debatte der Nachkriegsjahre 231
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
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