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merikanische Umtriebe“) alle echten oder vermeintlichen Kommunisten und
Kommunistinnen verfolgten, ließ es für viele Intellektuelle unmöglich erschei-
nen, sich durch Kritik an den Lagern quasi an deren Seite zu stellen. Selbst
Gulag-Überlebende hatten hier politisch-strategische Bedenken.12 Schließlich
machte die Rolle der Sowjetunion beim Sieg über Hitler-Deutschland für viele
Kritik an ihr tabu. Immer wieder wurden der stalinistische Terror, die Schau-
prozesse, die Lager erklärt, entschuldigt oder einfach verschwiegen.
Linientreue Kommunisten wie Ernst Fischer andererseits stritten die Existenz
des Gulag entweder rundweg ab oder verharmlosten ihn als Besserungslager für
„Schmarotzer, Schleichhändler, Spekulanten, Glücksritter, Zuhälter, Spione“.13
Das von Fischer im Tagebuch genannte „vorbildliche“ Bolschewo war ein Mus-
terlager, das ausländischen Gästen vorgeführt wurde, aber mit der Alltagsrealität
des Gulag nichts zu tun hatte.14 Fischer, der von 1934 bis 1945 als KPÖ-Funkti-
onär in der Sowjetunion im Exil war, musste das wissen. Heer interpretiert Fischers
Verleugnen der Gulag-Wirklichkeit als typisches Verhalten eines Dogmatikers.
Da die Errichtung von Lagern in der neuen byzantinischen Heilssphäre als ein
Politikum ersten Ranges, als eine strukturelle Notwendigkeit für den Aufbau der
Wirtschaft, Gesellschaft, des gesamten neuen Kosmos angesehen wird, kann es
einzig und allein Aufgabe eines kommunistischen Autors sein, dieselben mit allen
Mitteln des Wortes zu verteidigen.15
Eine ernsthafte und auf Tatsachen beruhende Auseinandersetzung war für Heer
also von einem kommunistischen Autor in dieser Frage gar nicht zu erwarten.16
12 Noch 1956 schreibt die deutsche Moskau-Emigrantin Susanne Leonhard, die als treue Kom-
munistin 1936 wegen „konterrevolutionärer trotzkistischer Tätigkeit“ verurteilt wurde, neun
Jahre im Gulag verbrachte und danach noch bis 1948 im Altai-Gebiet in Verbannung lebte, im
Vorwort ihres Berichts: „Als ich Ende August 1948 nach dreizehneinhalbjähriger Emigrations-
zeit nach Deutschland zurückkehrte, beseelte mich der Wunsch, so bald wie möglich die lan-
gen Jahre, die ich in sowjetischen Gefängnissen, Zwangsarbeitslagern und Verbannungsorten
zugebracht hatte, zu vergessen. Ich hatte nicht die Absicht, ein Buch über meine Erlebnisse in
der Sowjetunion zu schreiben, da ich, noch in dem Irrtum der ‚zwei Fronten‘ befangen, befürch-
tete, durch eine offene Abrechnung mit dem stalinistischen System mich zwangsläufig auf die
Seite derjenigen gedrängt zu sehen, die den Kommunismus ablehnen, weil sie um ihre Profite
Angst haben. Ich hätte es nicht ertragen, wenn meine Freunde und Gesinnungsgenossen mich
für einen ‚objektiven Handlanger des Monopolkapitalismus‘ erklärt hätten.“ Susanne Leonhard:
Gestohlenes Leben. Schicksal einer politischen Emigrantin in der Sowjetunion. Frankfurt/M.:
Europäische Verlagsanstalt 1956, S. 5.
13 Fischer: TB diskutiert. Sprechen wir von den Konzentrationslagern, S. 4.
14 Vgl. Anne Applebaum: Der Gulag. Berlin: Siedler 2003, S. 108.
15 Heer: Das Heil aus den „Lagern“?, S. 3.
16 Auch der damals noch linientreu stalinistische DDR-Autor Stefan Heym streitet 1955 die Exis-
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
232 6 Österreichische Gulag-Literatur
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918