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Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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merikanische Umtriebe“) alle echten oder vermeintlichen Kommunisten und Kommunistinnen verfolgten, ließ es für viele Intellektuelle unmöglich erschei- nen, sich durch Kritik an den Lagern quasi an deren Seite zu stellen. Selbst Gulag-Überlebende hatten hier politisch-strategische Bedenken.12 Schließlich machte die Rolle der Sowjetunion beim Sieg über Hitler-Deutschland für viele Kritik an ihr tabu. Immer wieder wurden der stalinistische Terror, die Schau- prozesse, die Lager erklärt, entschuldigt oder einfach verschwiegen. Linientreue Kommunisten wie Ernst Fischer andererseits stritten die Existenz des Gulag entweder rundweg ab oder verharmlosten ihn als Besserungslager für „Schmarotzer, Schleichhändler, Spekulanten, Glücksritter, Zuhälter, Spione“.13 Das von Fischer im Tagebuch genannte „vorbildliche“ Bolschewo war ein Mus- terlager, das ausländischen Gästen vorgeführt wurde, aber mit der Alltagsrealität des Gulag nichts zu tun hatte.14 Fischer, der von 1934 bis 1945 als KPÖ-Funkti- onär in der Sowjetunion im Exil war, musste das wissen. Heer interpretiert Fischers Verleugnen der Gulag-Wirklichkeit als typisches Verhalten eines Dogmatikers. Da die Errichtung von Lagern in der neuen byzantinischen Heilssphäre als ein Politikum ersten Ranges, als eine strukturelle Notwendigkeit für den Aufbau der Wirtschaft, Gesellschaft, des gesamten neuen Kosmos angesehen wird, kann es einzig und allein Aufgabe eines kommunistischen Autors sein, dieselben mit allen Mitteln des Wortes zu verteidigen.15 Eine ernsthafte und auf Tatsachen beruhende Auseinandersetzung war für Heer also von einem kommunistischen Autor in dieser Frage gar nicht zu erwarten.16 12 Noch 1956 schreibt die deutsche Moskau-Emigrantin Susanne Leonhard, die als treue Kom- munistin 1936 wegen „konterrevolutionärer trotzkistischer Tätigkeit“ verurteilt wurde, neun Jahre im Gulag verbrachte und danach noch bis 1948 im Altai-Gebiet in Verbannung lebte, im Vorwort ihres Berichts: „Als ich Ende August 1948 nach dreizehneinhalbjähriger Emigrations- zeit nach Deutschland zurückkehrte, beseelte mich der Wunsch, so bald wie möglich die lan- gen Jahre, die ich in sowjetischen Gefängnissen, Zwangsarbeitslagern und Verbannungsorten zugebracht hatte, zu vergessen. Ich hatte nicht die Absicht, ein Buch über meine Erlebnisse in der Sowjetunion zu schreiben, da ich, noch in dem Irrtum der ‚zwei Fronten‘ befangen, befürch- tete, durch eine offene Abrechnung mit dem stalinistischen System mich zwangsläufig auf die Seite derjenigen gedrängt zu sehen, die den Kommunismus ablehnen, weil sie um ihre Profite Angst haben. Ich hätte es nicht ertragen, wenn meine Freunde und Gesinnungsgenossen mich für einen ‚objektiven Handlanger des Monopolkapitalismus‘ erklärt hätten.“ Susanne Leonhard: Gestohlenes Leben. Schicksal einer politischen Emigrantin in der Sowjetunion. Frankfurt/M.: Europäische Verlagsanstalt 1956, S.  5. 13 Fischer: TB diskutiert. Sprechen wir von den Konzentrationslagern, S. 4. 14 Vgl. Anne Applebaum: Der Gulag. Berlin: Siedler 2003, S. 108. 15 Heer: Das Heil aus den „Lagern“?, S. 3. 16 Auch der damals noch linientreu stalinistische DDR-Autor Stefan Heym streitet 1955 die Exis- Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR 232 6 Österreichische Gulag-Literatur
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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