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Diese Zeugnisse zeigten bei vielen europäischen Intellektuellen Wirkung.
Hannah Arendt arbeitet ihr im Entstehen begriffenes Buch über Elemente und
Ursprünge totaler Herrschaft noch einmal um, da ihr „wesentliche Dinge, vor
allem auch der Zusammenhang mit Rußland, erst jetzt aufgegangen sind“.22 Der
Streit um den Gulag beendete auch die Freundschaft zwischen Jean-Paul Sartre
und Albert Camus. Zwar leugnete Sartre nicht die Existenz der Lager, betrach-
tete die öffentliche Auseinandersetzung damit aber als politischen Strategiefeh-
ler, da dies nur den Antikommunisten in die Hände spielen würde. So meinte
er zu Camus: „Ich finde wie Sie diese Lager unzulässig: doch ebenso unzulässig
den Gebrauch, den die bürgerliche Presse davon macht.“23
Sartre lieferte sich darüber hinaus auch eine scharfe Auseinandersetzung mit
dem ehemaligen Widerstandskämpfer und Buchenwald-Überlebenden David Rous-
set, der am 12. November 1949 auf der Titelseite des Le Figaro littéraire eine
Kampagne lanciert hatte, das sowjetische Lagersystem durch eine internationale
Kommission untersuchen zu lassen. Diese Kampagne war auch der Auslöser für
Heers Artikel in der Österreichischen Furche. Indem sich Rousset explizit an
die ehemaligen Deportierten der NS-Lager wendete, stellte er eine Verbindung zu
den KZ her, die er in seinem vielbeachteten Buch L’Univers concentrationnaire
(1946) beschrieben hatte.24 Sartre attackierte daraufhin gemeinsam mit Maurice
Merleau-Ponty in einem Artikel in seiner Zeitschrift Les Temps Modernes Rous-
set als Abtrünnigen, der sich vor den Karren der bürgerlichen Presse spannen lie-
ße. Wie auch immer die gegenwärtige Sowjetunion wirklich aussähe, man dürfe
auf keinen Fall mit ihren Feinden paktieren, so Merleau-Ponty und Sartre.25
Konrad Vetterli, um Schweizer Staatsbürgerin zu werden und dadurch weiter in der Schweiz
bleiben zu können. Ausgerechnet 1937, dem Höhepunkt des Stalin’schen Terrors, geht sie nach
Moskau, wo sie nach nur zweimonatiger Arbeit in der „Verlagsgenossenschaft ausländischer
Arbeiter“ (VEGAAR) verhaftet wird – ohne identifizierbaren Grund – wie so viele Opfer des
Stalin’schen Terrors. Vgl. Elinor Lipper: Elf Jahre in sowjetischen Gefängnissen und Lagern.
Zürich: Oprecht 1950 und Günther Stocker: Elinor Lipper. Eine Spurensuche. In: Christian
Huber, Roland Innerhofer (Hg.): Spielräume. Poetisches. Politisches. Populäres: Für Michael
Rohrwasser. Wien: Löcker 2016, S. 115–128.
22 Hannah Arendt an Karl Jaspers, 4.9.1947. In: Lotte Köhler, Hans Saner: Hannah Arendt – Karl
Jaspers: Briefwechsel 1926–1969. München, Zürich: Piper 1993. Vgl. auch Michael Rohrwas-
ser: Hannah Arendt und der Golfstrom. Der Weg der Totalitarismustheorien in die USA und
zurück nach Europa. In: Georg Gerber, Robert Leucht, Karl Wagner (Hg.): Transatlantische
Verwerfungen – transatlantische Verdichtungen. Kulturtransfer in Literatur und Wissenschaft
1945–1989. Göttingen: Wallstein 2012, S. 113–137, hier S. 130 ff.
23 Jean-Paul Sartre: Antwort an Albert Camus (1955). In: Ders.: Porträts und Perspektiven. Rein-
bek/H.: Rowohlt 1968, S. 73–101.
24 David Rousset: L’Univers concentrationnaire. Paris: Èds. Du Pavois 1946. Vgl. dazu Ulrike
Ackermann: Jean-Paul Sartre und die totalitäre Versuchung. In: Merkur, deutsche Zeit-
schrift für europäisches Denken 59 (2005) Nr. 674, S. 631–636.
25 Vgl. Maurice Merleau-Ponty, Jean-Paul Sartre: Les jours de notre vie. In: Les Temps Moder-
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234 6 Österreichische Gulag-Literatur
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918