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Auch von partei-kommunistischer Seite wurde Rousset heftig attackiert.26 In
Frankreich warf ihm die Zeitschrift Les Lettres Françaises vor, ein trotzkisti-
scher Fälscher zu sein, die Tatsachen zu verdrehen und sich auf gekaufte Zeugen
zu berufen. Rousset verklagte die Zeitschrift wegen Verleumdung und gewann den
darauf folgenden Prozess, der eine Reihe prominenter Gulag-Überlebender wie
Margarete Buber-Neumann, Elinor Lipper und Alexander Weißberg-Cybulski als
Zeugen vorlud. Die Zeit schrieb zum Abschluss des Prozesses im Jänner 1951:
„Was Rousset erreichen wollte, ist ihm gelungen; vor dem freien Gericht eines frei-
en Landes wurde durch die Aussagen einer Unzahl von Zeugen einwandfrei bewie-
sen, daß […] das ‚Konzentrations-Universum‘ heute in der Sowjetunion existiert.“27
Vielen Beobachtern erschien dieser Prozess wie eine Neuauflage des legen-
dären Kravchenko-Prozesses zwei Jahre zuvor. Auch damals hatte Les Lettres
Françaises einen Autor attackiert, der das stalinistische Unterdrückungssystem
und die sowjetischen Lager beschrieben hatte. In einem Artikel vom 13.
Novem-
ber1947 wurde behauptet, Victor Kravchenko sei ein Lügner, Bigamist und Alko-
holiker, der aufgrund seiner minderen intellektuellen Fähigkeiten sein Buch über
das Sowjet-System gar nicht selbst geschrieben haben könne. I chose freedom sei
im Auftrag des US-Geheimdienstes verfasst worden.28 Auch Kravchenko klag-
te die Zeitschrift wegen Verleumdung und in dem ab Anfang 1949 stattfinden-
den und internationales Aufsehen erregenden Prozess in Paris wurde ebenfalls
viel mehr verhandelt als eine Verleumdungsklage, nämlich die Frage des Gulag
und mit ihm die Wahrheit über die Sowjetunion. Trotz der Aussagen zahlreicher
Überlebender, unter ihnen auch Buber-Neumann, sah sich das Gericht damals
nicht imstande, über die Existenz der Lager zu entscheiden. Die Urteilsbegrün-
dung ließ offen, „ob Sowjetrussland tatsächlich das gewaltige Konzentrations-
nes 5(1950) Januar, S. 1153–1168. Der Titel ihres Artikels ist eine Anspielung auf Roussets
KZ-Roman Les Jours de notre mort (1947).
26 Auch im österreichischen Tagebuch, das ihn als zweifelhafte und undankbare Person bezeich-
net und behauptet, dass Rousset sich in Buchenwald sehr unklug verhielt und mehrfach von
kommunistischen Genossen gerettet wurde. Vgl. Wegerer: Sprechen wir von den Konzentra-
tionslagern!, S. 4.
27 Franz Rothenburg: UdSSR: Mörderin und doch Mutter? Lehre des Rousset-Prozesses. In: Die
Zeit, 18.1.1951, S. 2.
28 Andere Vorwürfe von kommunistischer Seite lauteten, Kravchenko sei im Dienst der Nazi-Pro-
paganda gestanden. Der sowjetische Schriftsteller Konstantin Simonow behauptet am 1.2.1949
in der Moskauer Prawda, dass in Kravchenkos Buch wortgetreue Zitate aus Goebbels Propa-
gandaschriften zu finden seien, ohne dass deren Herkunft genannt werde. Die französische
Abendzeitung Ce soir (Chefredakteur: Louis Aragon) beschuldigte Kravchenko, der Autor
eines 1941 in Hitler-Deutschland unter dem Namen R.
Krawtschenko erschienenen Buches zu
sein. Vgl. Boris Nossik: Der seltsame Prozess oder Ein Moskauer Überläufer in Paris, Berlin:
Aufbau Taschenbuchverlag 1992, S. 150 f. Die Gulag-Debatte der Nachkriegsjahre 235
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918