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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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lende Wachen, Maschinenpistolen, kläffende „Bluthunde, die an den Gefange- nen hochsprangen“ (HL 288). Was Federmanns kurze Episode so bemerkenswert macht, ist nicht nur die Seltenheit derartiger Szenen in der (österreichischen) Nachkriegsliteratur, sondern auch die spezifische Perspektive, aus der erzählt wird, nämlich die Perspektive eines Mittäters. Das unterscheidet Federmanns Gulag-Episode deutlich von den Erlebnisberichten. Sie ist nicht konzentriert auf das Leid der Opfer, sondern auf die Verstrickung Schindlers in den Schuldzu- sammenhang der stalinistischen Verbrechen. Dies wird ihm sofort bewusst, als er darüber nachzudenken beginnt. Die vor dieser Erfahrung als Bewacher eines Häftlings-Waggons noch abstrakte Frage, inwiefern er bereit sei, seine Huma- nitäts- und Freiheitsideale in der Sowjetunion aus Angst vor Repressionen oder aus bloßem Opportunismus zu verraten, kann er sich nun klar beantworten: „du hast es ja schon getan“. (HL 291) Auf diese Weise ist der Gefangenentransport in den Gulag eine Schlüsselepi- sode sowohl für Federmanns Darstellung des Stalinismus als auch für die Ent- täuschungsgeschichte linker Utopien, die den zentralen Erzählstrang des Rom- ans bildet. Schindler wird bewusst, dass er mit seiner Emigration in die UdSSR nicht in der ersehnten Freiheit, sondern in der absoluten Unfreiheit angekom- men ist und dass er selbst an der Aufrechterhaltung des totalitären Systems und seiner menschenverachtenden Praktiken beteiligt ist. Zwischen Grauen und Groteske: Robert Neumanns Die Puppen von Poshansk39 Eine ganz andere Dimension als das kurze Aufblitzen eines Schreckensszenarios, nämlich eine ausführliche und ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Gulag, erreicht die österreichische Literatur mit Robert Neumanns Die Puppen von Pos- hansk. Neumanns Roman stellt einen der frühesten Versuche überhaupt dar, sich diesem Stoff mit poetischen Mitteln zu nähern. Die Puppen von Poshansk erschien 1952 auf Deutsch und Englisch, zehn Jahre vor Alexander Solschenizyns Roman Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch, dessen Veröffentlichung in der Mos- kauer Zeitschrift Nowy Mir im November 1962 während einer kurzen Tauwet- ter-Periode einer politischen Sensation gleichkam.40 Lange auch vor Warlam 39 Bei diesem Abschnitt handelt es sich um eine überarbeitete Fassung von: Günther Stocker: Zwischen Grauen und Groteske. Robert Neumanns Gulag-Roman Die Puppen von Poshansk und die Kultur des Kalten Krieges. In: ILCEA 16/2012: La culture progressiste à l’èpoque de la guerre froide. Sous la direction de François Genton et Edmond Raillard, http://ilcea.revues. org./index1454.html [zuletzt aufgerufen 22.6.2016]. 40 Ernst Fischer veröffentlicht 1966 anlässlich von Solschenizyns Buch einen Aufsatz, in dem er – anders als 16 Jahre zuvor – nicht nur die Existenz der sowjetischen Lager als Tatsache aner- kennt, sie als „Konzentrationslager“ bezeichnet und in der Zwangsarbeit das Wesen „totaler Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR 240 6 Österreichische Gulag-Literatur
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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