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Schalamows Erzählungen aus Kolyma, die ab 1954 entstanden und erst Ende der
1960er-Jahre im sowjetischen Samisdat zu zirkulieren begannen, dann verein-
zelt auch in westlichen Verlagen erschienen, ohne aber besonders wahrgenom-
men zu werden.41 Erst seit dem Erscheinen von Neu- und Gesamtausgaben in
den letzten Jahren erfahren sie die verdiente Aufmerksamkeit. 42
Der ursprüngliche Titel des Romans lautete Insurrection in Poshansk, denn
der seit 1934 im britischen Exil weilende Neumann hatte dort die Schreibspra-
che gewechselt und den Text auf Englisch verfasst, ihn aber gleich vom renom-
mierten Übersetzer Georg Goyert ins Deutsche übertragen lassen.43 Anlass für
Entmenschlichung“ sieht, sondern er sieht in der Auseinandersetzung mit den Verbrechen des
Stalinismus die Voraussetzung für eine Zukunft des Kommunismus überhaupt: „Iwan Denis-
sowitsch hat nicht nur das Recht gehört zu werden, sondern auf ihn zu hören ist unabweislich
Pflicht aller für die Zukunft des ‚sozialistischen Lagers‘ (welch ein unglückseliges Wort!) Ver-
antwortlichen. […] Alles, was an Bösem geschehen ist, bei [sic![ Namen zu nennen, und war-
um es geschah, bewußt zu machen, ist die entscheidende Voraussetzung einer humaneren,
einer sozialistischen Zukunft.“ Ernst Fischer: Das Endspiel und Iwan Denissowitsch. In: Ders.:
Kunst und Koexistenz., S.
7–32, hier S.
21. Ebenfalls 1952 erscheint eine ganz andere Form von
Gulag-Literatur, nämlich der Erzählband Hier wird Gott dunkel von Waltraud Nicolas (Stutt-
gart: DVA). Nicolas war die Ehefrau des kommunistischen deutschen Autors Ernst Ottwalt,
der 1943 in einem sowjetischen Lager umkam. Sie selbst war mehrere Jahre im Lager und ver-
öffentlichte 1942 (!) im Verlag Junker und Dünnhaupt in Berlin ihre Erfahrungen in der UdS-
SR unter dem Pseudonym Irene Cordes. Ihre Erzählungen, die „auf Erlebnissen und Begeg-
nungen in russischen Gefängnissen und Lagern während der Jahre 1936 bis 1941“ (S. 7)
beruhen, sind – ganz anders als Neumanns Roman – einem formal anspruchslosen Realismus
verpflichtet, einem Realismus freilich, der aus eigener Erfahrung schöpft.
41 Warlam Schalanow [sic!]: Artikel 58: Die Aufzeichnungen des Häftlings Schalanow [sic!]. Köln:
Middelhauve: 1967; ders.: Kolyma: Insel im Archipel. München, Wien: Langen Müller 1975.
42 Warlam Schalamow: Durch den Schnee. Erzählungen aus Kolyma 1. Berlin: Matthes & Seitz
2007; ders.: Linkes Ufer. Erzählungen aus Kolyma
2. Berlin: Matthes & Seitz 2009; ders.: Künst-
ler der Schaufel. Erzählungen aus Kolyma
3. Berlin: Matthes & Seitz 2010; Ders.: Die Auferwe-
ckung der Lärche. Erzählungen aus Kolyma 4. Berlin: Matthes & Seitz 2011.
43 Weder die Literaturkritik noch Neumann selbst waren mit dieser offenbar recht hastig herge-
stellten Übersetzung zufrieden. In einem Brief an Johannes
R. Becher beklagt er sich über eini-
ge Fehler des „sonst ausgezeichnete(n) Übersetzer(s) […], die mich aber gerade bei diesem
Buch, in dem ich so vieles zu attackieren und kritisieren habe, überaus betrüben“. Er hebt zwei
die politische Dimension betreffende hervor: Während es im Originaltext etwa heißt „Health
services do exist“, so verneint Goyerts Übersetzung diese Aussage: „Gesundheitsdienst existiert
nicht“ (PP
296). Eine andere Passage hat Neumann laut eigener Aussage einer „nordsibirischen
Schulfibel“ entnommen, ohne zu wissen, was sie bedeutet. „La urd. Our lud. Our lud urd. Laq
urd. Stalin“ deklamieren die Kinder in der Schule in Poshansk (S.
8). Goyert vermeinte in die-
ser Lautfolge wohl ein „our Lord“ zu vernehmen und übersetzte „Herr – unser Herr – unser
Herr – Stalin.“ (PP 10) Neumann schreibt dazu: „Ich werde dafür sorgen, dass diese Dinge in
einer Neuauflage richtiggestellt werden – for the sake of fairness; an der Substanz des Buches
ändern sie natürlich nichts.“ Robert Neumann an Johannes R. Becher, 16.5.1952, ONB HS,
Nachlass Robert Neumann, Cod. Ser. n. 22.487/1.
Zwischen Grauen und Groteske: Robert Neumanns Die Puppen von Poshansk 241
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918