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schaftskandidat und Großunternehmer Walter M. Watkins befindet sich auf
einer „Mission des guten Willens“ (PP 90) durch die Sowjetunion, die ihn auch
in die entlegene nordost-sibirische Kolyma-Region führt, die Solschenizyn spä-
ter als „Grausamkeitspol in diesem sonderbaren Land GULAG“49 bezeichnen
wird. Hunderttausende Gefangene vegetieren und arbeiten dort bei Temperatu-
ren von -40° C und darunter. Aber geführt und getäuscht von einer offiziellen
Delegation, sieht Watkins nichts von den Lagern und dem Elend der Gefange-
nen, verschläft sogar ihren – rasch niedergeschlagenen – Aufstand (engl.: „insur-
rection“). Was ihn wesentlich mehr beschäftigt, ist die Rettung seiner verpatzten
Karriere, sein Gesundheitszustand, sein Traum vom Aussteigen aus der hekti-
schen Geschäftswelt, aber vor allem seine kommunistische Übersetzerin Ursula
Toboggena, in die er sich verliebt hat.
So konstruiert dieser Plot vom blind durch die sibirische Lagerwelt stolpern-
den amerikanischen Politiker erscheinen mag (vgl. dazu die Figur des Augen-
zeugen in Kapitel 2: Reisen ins Rote), so hat er doch ein reales Vorbild. Im Jahr
1944 befand sich der amerikanische Vize-Präsident Henry
A. Wallace auf einer
ebensolchen Good-Will-Tour durch die Sowjetunion, kam ebenso in die Koly-
ma-Region und verfasste darüber einen 1946 erschienenen Reisebericht mit dem
Titel Soviet Asia Mission.50 Freilich waren die USA und die Sowjetunion 1944
noch Verbündete, der Kalte Krieg hatte 1946 noch kaum begonnen und Walla-
ce wurde von einigen explizit pro-sowjetischen Experten begleitet und beein-
flusst, nicht zuletzt da er kein Russisch sprach.51 Nichtsdestotrotz ist sein Buch
von einer an Zynismus grenzenden Realitätsverweigerung geprägt. Aus einer
der kältesten Regionen der Erde, wo zahllose Gulag-Häftlinge erfroren und ver-
hungerten, berichtet Wallace von den Erfolgen der sibirischen Schweinezucht:
Wir […] sahen zusammen mit General Semjonow in der Nähe des Städtchens
Welkal 38 der feinsten Yorkshireschweine, die ich jemals zu Gesicht bekam. Drau-
ßen herrschte Schneeverwehung, aber drinnen im Schweinehaus war es gemütlich
warm; jede Sau hatte ihren individuellen Koben, und ihr Futter war per Schiff aus
Wladiwostock gekommen.52
Neumann wusste durch Lipper von Wallace’ Reise und seinem Buch. Sie hat in
einem bitteren Kapitel Wallace’ Bericht über Kolyma ihren eigenen Erfahrungen
49 Solschenizyn: Archipel GULAG, S. 9.
50 Henry A. Wallace: Sondermission in Sowjet-Asien und China. Zürich: Steinberg 1947; Die
Reise wurde am 20.
Mai 1944 angetreten und nahm in Summe etwa drei Monate in Anspruch.
Vgl. Robert P. Newman: Owen Lattimore and the „Loss“ of China. Berkeley, Los Angeles,
Oxford: Univ. of California Press 1992, S. 109.
51 Vgl. Caute: The Fellow-Travellers, S. 285 f.
52 Wallace: Sondermission, S. 193 f.
Zwischen Grauen und Groteske: Robert Neumanns Die Puppen von Poshansk 243
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918