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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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dort gegenübergestellt.53 Und dieses Kapitel bildet den narrativen Kern von Neu- manns Roman: eine pessimistische Parabel über das Verleugnen, das Verschwei- gen und Ignorieren der Zwangsarbeitslager in der UdSSR. Und es liefert ihm auch den Darstellungsmodus: eine bis ins Groteske gehende Satire. Von Beginn an stellt der Roman die Kluft zwischen kommunistischer Rheto- rik und sowjetischer Realität aus. Der zentrale „Stalin-Boulevard“ im fiktiven Poshansk umfasst bloß „vierzehn Häuser“, der Bahnhof ist ein niedriger Holz- schuppen, das „Krankenhaus […] wird erst dann ein Krankenhaus sein, wenn man einen Arzt für es gefunden hat“ (PP 5  f.). Diese Kluft kann menschenver- achtende Dimensionen erlangen, etwa wenn Lagerkommandant Borodin von den Fortschritten im Umgang mit dem permanent gefrorenen Boden berichtet: [W]ir haben Stellen entdeckt, wo wir den Abgang an Menschen aus dem Lager oder einen Kameraden, je nach dem Fall begraben können, und zwar so tief, daß keine Hand, kein Fuß herausschaut, und das ist allein die Folge proletarischer energischer Kultivierung des Bodens. Und wahrscheinlich bessert sich auch das Wetter, denn unsere Wettersachverständigen sind die besten in der Welt, und so haben wir Grund zu entschlossenem Optimismus, Genosse Unterdistrikts-Kom- missar. (PP 23) Die in allen Zeugnissen aus dem Gulag wiederkehrende Erfahrung, dass die Menschen nur als Arbeitsmaterial in Zahlendimensionen betrachtet wurden, dass es den Sowjetbehörden keineswegs um tatsächliche Verbrechen, sondern um eine ausreichende Anzahl an Arbeitssklaven ging, ist in der bürokratischen Formel „Abgang an Menschen aus dem Lager“ exakt gefasst. Das eklatante Miss- verhältnis zwischen Propaganda-Rhetorik und konkreter Praxis zeigt sich auch, als ein kommunistischer Funktionär einen alten Revolutionär fragt: „Haßte man damals auch den Menschen und liebte die Menschheit?“ (PP 276) Dazu kommt die Titulierung der banalsten Aktivitäten als „proletarisch“, „sozialistisch“ etc. Von der kleinen, aber „sozialistisch-stolze[n]“ und „proletarisch-bescheidene[n]“ 53 „Ein Schulbeispiel für die Oberflächlichkeit und Haltlosigkeit ausländischer Berichte über die Sowjetunion von Besuchern, die nach kurzem Aufenthalt die Wahrheit über dieses Land zu berichten glauben, ist das Buch von Henry  A. Wallace ‚Soviet Asia Mission‘. Bewundernd spricht er über das erstaunlich schnelle Wachstum der Stadt Magadan […] Daß es ausschließlich Gefangene sind, die unter unmenschlichen Bedingungen diese Stadt aufbauten und bauen – darüber schweigt Wallace – oder er weiß es nicht. Er bewundert ‚die dreihundertfünfzig Mei- len lange Chaussee, die vom Hafen über die Berge nach Norden führt und das ganze Jahr hin- durch befahrbar ist‘. Daß diese Straße ausschließlich von Gefangenen erbaut wurde, daß Tausende und Abertausende ihr Leben beim Bau dieser Straße ließen – darüber schweigt Wal- lace – oder er weiß es nicht.“ Es folgen weitere Beispiele für Wallace völlig verzerrenden Bericht. Lipper: Elf Jahre, S.  101  ff. Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR 244 6 Österreichische Gulag-Literatur
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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