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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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(PP 49) Gemeinde Poshansk spricht die „Hilfslehrerin Varbarova“ (PP 48). „Atto- na, der Unterdistrikts-Kommissar“ dankt seinen „unbarmherzig stalinistischen, wachsamen Augen“ (PP 51  f.). Neumanns Roman parodiert diese rhetorischen Gesten, indem er sie über- treibt oder ihren Kontext verrückt. Er macht aber auch ihre kommunikative Funktion deutlich. In einem Unterdrückungssystem, in dem jede und jeder jederzeit wegen konterrevolutionärer Tätigkeit denunziert und in den Gulag deportiert werden kann, in dem ein falscher Satz das Todesurteil bedeuten kann, ist die ständige Beteuerung, zur richtigen Seite zu gehören, eine naheliegende Unterwerfungsgeste, auch wenn sie letztlich wirkungslos bleibt. Die Sowjetbür- ger und Sowjetbürgerinnen im Roman beschwören daher auch bei jeder Gele- genheit und gegen alle Evidenz die Leistungen der Sowjetunion und der Partei. Und Neumann treibt das konsequent ins Groteske, etwa in die „entschlossen optimistische“ Behauptung, dass sich in einem Land mit den besten Meteorolo- gen und Meteorologinnen letztlich auch das Wetter bessern müsse. Ein Schlüssel-Element der politischen Alltagspraxis in der Sowjetunion macht der Text in der ständigen Unsicherheit aus, ob man sich noch zur In-Group zäh- len darf oder bereits ausgegrenzt wurde. „Sozialistisches Verantwortungsgefühl“, „proletarische Würde“ und „echtes Sowjetmenschentum“ sind ständiger Über- prüfung durch die Genossinnen und Genossen, vor allem durch die hierarchisch übergeordneten Funktionsträger, ausgesetzt. Abweichung oder gar Dissidenz können tödliche Folgen haben, auch wenn sie nur als bloßer Vorwurf existieren. Die wenigen freien Menschen in Poshansk haben die Opfer sogenannter politi- scher „Säuberungen“ im Lager täglich vor Augen. In der ständigen Angst zu den „Kontriks“, den Regimegegnern, gezählt zu werden, erkennt der Roman ein wesentliches Motiv für die heuchlerische Rhetorik, die übereifrigen Gesten und die demonstrative Härte gegen alle als angebliche Feinde Entlarvten. Täuschung und Misstrauen dominieren aber nicht nur die Beziehungen der kommunistischen Funktionäre untereinander, sondern viel mehr noch den Umgang mit dem mächtigen Gegner, den USA. Die sowjetischen Offiziellen, die Walter  M. Watkins durch die Sowjetunion begleiten, sind tunlichst darum bemüht, ihm das Lager und die dortigen Zustände zu verbergen. Die prinzipielle Mög- lichkeit, dass Watkins die Straflager sehen könnte, stellt für sie eine große Gefahr dar, was sich dann zeigt, wenn sie Pläne schmieden, Watkins durch einen Unfall umkommen zu lassen mit dem Argument „er hat schon sehr viel gesehen; und wenn er schon zuviel gesehen hat?“ (PP 258) Ihr Interesse an Watkins liegt dar- in begründet, dass sie ihn dazu bringen wollen, für die Sowjetunion einen umfang- reichen Kredit in den USA zu organisieren, für den die Goldbergwerke im Koly- ma-Gebiet als Sicherheit dienen sollen. Aber auch Watkins verbirgt seine eigentlichen Interessen vor seinen Gastgebern. Und so kommt ein Spiel gegen- seitiger Spekulationen über die möglichen Strategien und geheimen Absichten Zwischen Grauen und Groteske: Robert Neumanns Die Puppen von Poshansk 245
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
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