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Einfachen Hungers gestorben. […] (PP 289 f.)
Trotz all dieser Details maßt sich Die Puppen von Poshansk aber nie die Pers-
pektive des Augenzeugen an, wie sie etwa Schalamows Erzählungen kennzeich-
net, deren Autor ja selbst siebzehn Jahr in Kolyma gefangen war. Es gibt im
Roman auch keine Identifikationsfiguren, keinen Ich-Erzähler und keine erleb-
te Rede, wie etwa in Solschenizyns Ivan Denissowitsch. Neumanns Erzählver-
fahren schafft stattdessen Distanz. Das Lager von Poshansk wird nie zum Schau-
platz der Handlung, wir erhalten keinerlei Innensicht. Programmatisch heißt es
in der einleitenden Beschreibung: „Das Lager war nicht sichtbar; es lag im Sumpf,
jenseits des Flusses.“ (PP 8) Wie Gespenster tauchen die Gefangenen daraus auf
und berichten. Das entspricht der Perspektive Neumanns selbst: Er kennt mit
Lipper eine Überlebende, hat aber keine eigenen Erfahrungen mit dem Gulag.
Etwa ein jüdischer Junge, der einst vor den Nazis in die Sowjetunion geflohen
ist, um dann erst recht in einem Lager zu landen. Hier erfolgt der Tod aber nicht
durch Giftgas, sondern durch Zwangsarbeit: „Im Goldbergwerk stirbt man inner-
halb von zwei Jahren, abgesehen von denen, die in einem Jahr sterben, und beim
Baumfällen stirbt man in drei Jahren, wenn man nicht schon vorher dran glau-
ben muß.“ (PP 133 f.) Auf die Frage, weshalb man seine beiden Verlobten bei
den Nazis vergast habe, antwortet er: „Das ist das richtige Wort: weshalb? Wo
man sie doch zum Baumfällen und so weiter gebrauchen kann. Unrentabel. Hier
wird niemand vergast. Immer nur Bäume. Oder Gold. Oder Bäume.“ (PP 135)
Prägnanter lässt sich das nicht sagen. Und gleichzeitig bringt der Text in diesem
arglos formulierten, äußersten Sarkasmus die entscheidende Differenz zwischen
dem Hitler’schen und dem Stalin’schen Terrorsystem auf den Punkt, wie ihn
auch die moderne Totalitarismusforschung herausstreicht:
Im Unterschied zum Stalinismus, wo Gewalt, wie extrem auch immer, zum Er-
reichen eines – auch imaginären – Ziels ausgeübt wurde, bestand der Kern des
Nationalsozialismus von Beginn an in der Realisierung einer rassistischen und
letztlich genozidalen Kriegsführung (‚Vernichtungskrieg‘). So brutal und un-
menschlich die sowjetischen Lager auch waren: Sie waren niemals als Vernich-
tungszentren gedacht.56
Neumanns Roman variiert die literarischen Register immer wieder, um seinen
Stoff in den Griff zu bekommen. Drastische Schilderungen von Gewalt wech-
seln mit kruden Parodien, Slapstick-Szenen mit scharfen Beobachtungen des
stalinistischen Herrschaftssystems, Melodramatisches mit Satire. An zwei Stel-
len wird dann plötzlich explizit Dokumentarisches in den Roman montiert, was
56 Rabinbach: Begriffe aus dem Kalten Krieg, S. 14.
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248 6 Österreichische Gulag-Literatur
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918