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nachdrücklichen Kritik am Stalinismus jeder Vereinnahmung durch das „ame-
rikanische Lager“ entziehe, da auch dessen ideologische Starre zum Ziel der
Satire geworden sei.
Zusätzlich zum Artikel wird auch eine von Neumanns berüchtigten Parodien
abgedruckt, nämlich die Ballade Der von Trawerz. Nach Börries von Münchhau-
sen, in welcher die pathetisch-heroisierende Deutschtümelei des den National-
sozialisten nahe stehenden Autors stilistisch wie inhaltlich demaskiert wird. Was
der Spiegel nicht anführt: Neumann hat diese Ballade in den Puppen von Pos-
hansk wieder verwertet, indem er daraus „eine hochpatriotische Ballade des
letzten Gewinners des Stalin-Preises, des Ehrenkulturwarts Fadayev“ (PP 142)
machte, in welcher der Held nun nicht die deutsche Fahne gegen zwölftausend
(!) Franzosen verteidigt, sie am Ende samt Fahnenstange sogar verschluckt, um
sie dem Feind nicht in die Hände fallen zu lassen, sondern jetzt handelt es sich
um einen Fahnenträger der Roten Armee, der sich wacker „zwölftausend Faschis-
ten“ in den Weg stellt. Gemeint ist mit Fadayev der Sekretär des sowjetischen
Schriftstellerverbandes, Alexander Fadejew, dessen bekanntester Roman Die
junge Garde (1945, dt. 1948) vom heldenhaften Kampf einer Gruppe von Komso-
molzen gegen eine Übermacht der Nazi-Armee erzählt. Aus Neumanns Pers-
pektive gibt es keinen Unterschied zwischen dem überzogenen Pathos und der
literarisch plumpen Verherrlichung des Soldatentums im deutschen Nationalis-
mus und in der sowjetischen Propagandadichtung.
Drei Monate vor dem Spiegel-Artikel hatte Wolfgang Bächler in Die Lite-
ratur den Roman verrissen. Neumann habe weder eine Ahnung vom „russi-
schen Volkscharakter“66 noch davon, wie es in einer Diktatur wirklich zugehe.
Aber vor allem habe er für den „verlockenden Stoff“ keine adäquate literarische
Form gefunden. Das „tragikomische(s) Puppentheater“ sei zur „Tragikomödie
des Parodisten Neumann“67 geworden:
Er parodiert sich selbst zu Tode. Er parodiert die Reden, Gespräche und Gedan-
ken sowjetischer Wirtschafts-, Kultur- und Polizeifunktionäre, Flinten- und Ehe-
weiber, der amerikanischen Finanzhyäne, seines Reklamechefs und seines schwu-
len Söhnchens, […]. Und einmal im Schwung und Schwange des Parodierens,
parodiert der Autor auch die Opfer der NKWD in den sibirischen Lagern auf
wenig geschmackvolle Weise gleich mit, lässt sie einen völlig abstrusen Lagerauf-
stand und knochenklappernden Gespenstertanz mit konterrevolutionären Regie-
rungsproklamationen und Konterschauprozessen vollführen.68
66 Bächler: Puppenspiele, S. 4.
67 Ebd.
68 Ebd. Zwischen Grauen und Groteske: Robert Neumanns Die Puppen von Poshansk 251
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918