Web-Books
im Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Geschichte
Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Seite - 251 -
  • Benutzer
  • Version
    • Vollversion
    • Textversion
  • Sprache
    • Deutsch
    • English - Englisch

Seite - 251 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur

Bild der Seite - 251 -

Bild der Seite - 251 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur

Text der Seite - 251 -

nachdrücklichen Kritik am Stalinismus jeder Vereinnahmung durch das „ame- rikanische Lager“ entziehe, da auch dessen ideologische Starre zum Ziel der Satire geworden sei. Zusätzlich zum Artikel wird auch eine von Neumanns berüchtigten Parodien abgedruckt, nämlich die Ballade Der von Trawerz. Nach Börries von Münchhau- sen, in welcher die pathetisch-heroisierende Deutschtümelei des den National- sozialisten nahe stehenden Autors stilistisch wie inhaltlich demaskiert wird. Was der Spiegel nicht anführt: Neumann hat diese Ballade in den Puppen von Pos- hansk wieder verwertet, indem er daraus „eine hochpatriotische Ballade des letzten Gewinners des Stalin-Preises, des Ehrenkulturwarts Fadayev“ (PP 142) machte, in welcher der Held nun nicht die deutsche Fahne gegen zwölftausend (!) Franzosen verteidigt, sie am Ende samt Fahnenstange sogar verschluckt, um sie dem Feind nicht in die Hände fallen zu lassen, sondern jetzt handelt es sich um einen Fahnenträger der Roten Armee, der sich wacker „zwölftausend Faschis- ten“ in den Weg stellt. Gemeint ist mit Fadayev der Sekretär des sowjetischen Schriftstellerverbandes, Alexander Fadejew, dessen bekanntester Roman Die junge Garde (1945, dt. 1948) vom heldenhaften Kampf einer Gruppe von Komso- molzen gegen eine Übermacht der Nazi-Armee erzählt. Aus Neumanns Pers- pektive gibt es keinen Unterschied zwischen dem überzogenen Pathos und der literarisch plumpen Verherrlichung des Soldatentums im deutschen Nationalis- mus und in der sowjetischen Propagandadichtung. Drei Monate vor dem Spiegel-Artikel hatte Wolfgang Bächler in Die Lite- ratur den Roman verrissen. Neumann habe weder eine Ahnung vom „russi- schen Volkscharakter“66 noch davon, wie es in einer Diktatur wirklich zugehe. Aber vor allem habe er für den „verlockenden Stoff“ keine adäquate literarische Form gefunden. Das „tragikomische(s) Puppentheater“ sei zur „Tragikomödie des Parodisten Neumann“67 geworden: Er parodiert sich selbst zu Tode. Er parodiert die Reden, Gespräche und Gedan- ken sowjetischer Wirtschafts-, Kultur- und Polizeifunktionäre, Flinten- und Ehe- weiber, der amerikanischen Finanzhyäne, seines Reklamechefs und seines schwu- len Söhnchens, […]. Und einmal im Schwung und Schwange des Parodierens, parodiert der Autor auch die Opfer der NKWD in den sibirischen Lagern auf wenig geschmackvolle Weise gleich mit, lässt sie einen völlig abstrusen Lagerauf- stand und knochenklappernden Gespenstertanz mit konterrevolutionären Regie- rungsproklamationen und Konterschauprozessen vollführen.68 66 Bächler: Puppenspiele, S. 4. 67 Ebd. 68 Ebd. Zwischen Grauen und Groteske: Robert Neumanns Die Puppen von Poshansk 251
zurück zum  Buch Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur"
Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
Web-Books
Bibliothek
Datenschutz
Impressum
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Diskurse des Kalten Krieges