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Die Sozialistische Jugend Wiens hatte 1945 eigenmächtig ein Wahlplakat her-
ausgegeben, „das wie kaum ein anderes Dokument die radikale Position des lin-
ken Parteiflügels zur NS-Frage versinnbildlichte, in dem es den Austausch der
Kriegsgefangenen in Sibirien gegen Nationalsozialisten in Österreich propagiert
hatte“.10 Der Wortlaut dieses sogenannten ‚Sibirien‘-Plakats, das die ÖVP 1949
wieder verbreitete, um die SPÖ im Wahlkampf zu diskreditieren, war laut Hölzl:
Zehntausende
Österreicher Nazis
befinden sich fern der Heimat befinden sich in der
in Kriegsgefangenschaft Heimat
und werden zum Aufbau und sabotieren den
Österreichs benötigt Wiederaufbau Österreichs
Wir fordern den Austausch
Sozialistische Partei Österreichs11
Dieses Plakat, das auch in Gamillschegs Die Getäuschten zitiert wird,12 mag ein
Extrembeispiel sein; es finden sich aber auch zahlreiche weitere öffentliche
Abgrenzungsrituale gegenüber dem Nationalsozialismus von Seiten aller drei
an den ersten Wahlen im November 1945 teilnehmenden Parteien.13 So plaka-
tierte die ÖVP im Zuge des Wahlkampfes unter anderem: „Die ÖVP will / daß
die österreichischen Menschen, / die durch die nazistischen Regierungsmetho-
den / zu einer bloßen Bevölkerung herabgedrückt wurden, / wieder zu sich selbst
kommen.“14 Die SPÖ plakatierte: „Arbeiter! – Wir sagten dir immer: ‚Hitler
10 Wolfgang Neugebauer, Peter Schwarz: Der Wille zum aufrechten Gang. Offenlegung der Rol-
le des BSA bei der gesellschaftlichen Reintegration ehemaliger Nationalsozialisten. Hg. v. Bund
sozialistischer AkademikerInnen, Intellektueller und KünstlerInnen. Wien: Czernin 2005, S.
48.
Vgl. auch Oliver Rathkolb: ‚Die Nazi-Frage‘. Antisemitismus und ‚braune Flecke‘ in der öster-
reichischen Nachkriegsgesellschaft. In: Das jüdische Echo 50 (2001), S. 13–147, hier S. 146.
11 Zit. nach Norbert Hölzl: Propagandaschlachten. Die österreichischen Wahlkämpfe 1945 bis
1971. Wien: Verl. für Geschichte und Politik 1974, S. 45. Vgl. dagegen Karl R. Stadler: Adolf
Schärf. Mensch, Politiker Staatsmann. Wien, München, Zürich: Europaverlag 1982, S.
262. Hier
wird ein anderer Wortlaut zitiert: „Alle Nazi sind schuld; alle im Land befindlichen Parteige-
nossen und Anwärter der NSDAP nach Sibirien im Austausch gegen Kriegsgefangene!“
12 „Bei den Wahlen im Herbst hatte die SPÖ mit dem Schlagwort agitiert: ‚Schickt die Nazi nach
Sibirien, tauscht dagegen unsere Gefangenen ein!‘“ (GT 215)
13 Vgl. Sonja Niederacher: Die öffentliche Rede über Entnazifizierung 1945–1949. In: Mesner
(Hg.): Entnazifizierung zwischen politischem Anspruch, Parteienkonkurrenz und Kaltem Krieg,
S.
37–58, hier S.
52. Norbert Hölzl beurteilt für 1945 die „unbewältigte Vergangenheit als Wahl-
kampfthema Nummer Eins“. Hölzl: Propagandaschlachten, S. 17. Eine entschiedene Abgren-
zung gegenüber dem NS war auch angesichts der Besatzung geboten.
14 Zit. nach Hölzl: Propagandaschlachten, S. 21. Die Nazis, das sind die anderen 255
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918