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Das ganze Haus ist wieder zusammengekracht! Die Feuerwehr hat noch was pöl-
zen wollen, aber es war schon zu spät. Jetzt haben s’ die Straße wieder abgesperrt,
daß man nicht dazukommt – wie damals zur Nazizeit, bei den Bomben. (HB 119)
Das zerstörte Haus wird zur Allegorie einer zerstörerischen Politik, die mit dem
Nationalsozialismus verbunden wird und sich später – in einem als kapitalis-
tisch gekennzeichneten Umfeld – wiederholt. Der Einsturz des Bauwerkes for-
dert jeweils auch Menschenleben und zerstört Existenzen. Der junge Arbeiter
Karl Berger wird bei dem Hauseinsturz schwer verletzt und setzt sich selbst in
Analogie zum zerstörten Bauwerk: „Wilder Haß überkam den Kranken gegen
die Menschen, die ihn um ihres blutigen Profits willen zu dem Wrack gemacht
hatten, das er jetzt war.“ (HB 150) Der Gemeindeangestellte Hubert Mosinger,
der für die Kommissionierung und Baubewilligung verantwortlich zeichnete,
nimmt sich das Leben, indem er sich unter die Stadtbahn wirft. Der Realitä-
tenverwalter Eduard Liebert und der Kaufmann Heinrich Mariner, welche durch
das Immobiliengeschäft in der Brigittastraße profitieren, können die Verantwor-
tung für das Unglück so auf ihn schieben. Liebert fürchtet ohnedies keine gericht-
liche Belangung, denn „[e]r hatte mehrere gute Bekannte und ehemalige Gesin-
nungsgenossen bei Gericht“. (HB 130) Diese „ehemaligen Gesinnungsgenossen“
sind unschwer als Anhänger des Nationalsozialismus decodierbar. Liebig ist es
auch, der die Bemerkung fallen lässt, dass Mariner ein „Vierteljude“ (HB 111)
sei. Auf solche personellen Kontinuitäten, aber auch auf die Arrangements der
Besatzungsmächte mit den ehemaligen Nationalsozialisten wird noch einzuge-
hen sein. In Das Haus in der Brigittastraße stellt die Wiederholung von Textele-
menten wie der Allegorie des zerstörten Hauses oder den Figuren des Verletzten
und des geopferter Mitläufers ein Verweisnetz zwischen dem „Dritten Reich“
und der Situation im Nachkriegswien her.
In Friedrich Torbergs Die zweite Begegnung ist bereits der Titel bezeichnend
für die narrative Strategie des Textes, die sich einer Wiederholungsstruktur bedient,
um eine Parallele zwischen dem nationalsozialistischen und dem kommunisti-
schen Regime herzustellen (vgl. Kapitel
4: Totalitarismus). Diese Regime ergrei-
fen 1939 bzw. 1948 die Macht in der Tschechoslowakei, wodurch der Protagonist
Martin Dub jeweils zu einem Verfolgten wird, der ins Exil zu gelangen versucht.
Beide Male wird auch seine Beziehung zu der Tänzerin Wera Kisanowa in Gefahr
gebracht. Im ersten Fall kann Wera sich nicht zur gemeinsamen Flucht entschlie-
ßen, sodass Martin allein flüchtet und das Paar sich aus den Augen verliert. Bei
der Wiederkehr der Situation fliehen sie gemeinsam über die Grenze.23 Wie in
Das Haus in der Brigittastraße der Hauseinsturz die ruinösen Wirkungen des
kriegerischen Hitlerregimes symbolisiert und sich durch kapitalistische Trans-
23 Gerade entgegengesetzt zur doppelten Flucht Dubs vor dem nationalsozialistischen und vor
Narrative Wiederholungsstrukturen 259
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918