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aktionen ‚wiederholt‘, so symbolisiert in Die zweite Begegnung die wiederholte
Bedrohung der Liebesbeziehung angesichts der Notwendigkeit einer politischen
Flucht eine Analogie zwischen Hitlerfaschismus und Kommunismus.
Eine thematisch ganz ähnliche Wiederholungsstruktur findet sich in Helmut
Schwarz’ in Graz unter der Regie Heinz Gerstingers aufgeführtem Drama Das
Aushängeschild (1959)24, dessen Protagonist der unter dem Nationalsozialismus
verfolgte, später international anerkannte Dirigent Johannes Maybruck25 ist,
der aus gesundheitlichen und künstlerischen Erwägungen knapp nach dem
XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956, an dem Chruschtschow den Stali-
nismus öffentlich verwarf, ein Engagement in der DDR annimmt, wo er sich
aber schließlich an das totalitäre Regime in Hitlerdeutschland erinnert fühlt.
Die Handlung endet zur Zeit des Ungarnaufstands 1956, als Maybruck die DDR
bereits wieder verlassen hat, weil viele seiner Freunde und Mitarbeiter Verdäch-
tigungen und Verhaftungen zum Opfer gefallen sind. Als der politisch uninter-
essierte Freund Maybrucks, der Arzt Wiedemann, aus unerklärlichen Gründen
verhaftet wird, ruft seine Tochter aus: „Wie unter den Nazis!“ (A 63) Maybruck
beschließt, sich und seine Freunde „in Sicherheit“ (A 84) zu bringen. Er wählt
aber nicht Westberlin, sondern Zürich – „ein historisches Asyl“ (A 78) – als Auf-
enthaltsort, von dem aus er damals weiter nach Südafrika floh: „Mein Leben
scheint jetzt nur noch aus Wiederholungen zu bestehen. Es variiert eine Grund-
situation – Zürich ist der Umschlageplatz. Wie damals, vor mehr als zwanzig
Jahren! Ich hätte nie mehr nach Europa zurückkehren sollen.“ (A 84 f.)
Auf diese Parallele deuten bereits frühere Textstellen hin. In einer thematisch
einführenden, handlungstechnisch aber nur locker mit der Haupthandlung ver-
bundenen Anfangsszene unterhalten sich eine Kellnerin in einem Flughafenre-
dem kommunistischen Regime, sieht übrigens der österreichische kommunistische Schauspie-
ler Otto Tausig, der erst im Jahr 1971 aus der DDR nach Österreich zurückkehrte, seine Situ-
ation: „Nach 7 Jahren Emigration unter Hitler und 14 weiteren unter Torberg, Weigel und
Konsorten war ich wieder in Wien.“ Otto Tausig: Kasperl, Kummerl, Jud. Eine Lebensgeschich-
te. Nach seiner Erzählung aufgeschrieben von Inge Fasan. Wien: Mandelbaum 2005, S. 159.
Vgl. auch Tausigs „ironisierende[s] Couplet über die Wechselfälle [s]eines Lebens“ (ebd.,
S. 184–188), wo er von seinem Exil in England berichtet, wo er habe „g’wart, dass der Führer
krepiert“ (ebd., S.
184). Als er nach seiner Rückkehr wiederum aus politischen Gründen keine
Existenzmöglichkeit in Wien gesehen habe, „ging ich halt noch einmal in das Exil, / mich fra-
gend: Ja, ändert die Zeit wirklich viel?“ (ebd., S. 188).
24 Vgl. Heinz Gerstinger: Helmut Schwarz. In: Wort in der Zeit 9 (1963) H. 1, S. 9–17, hier
S. 15 f.
25 Im Texttyposkript, das uns durch den Thomas-Sessler-Verlag freundlicherweise zur Verfügung
gestellt wurde, wird der Name des Protagonisten im Personenverzeichnis mit Johann, im Text
mit Johannes angegeben. Helmut Schwarz: Das Aushängeschild. Eine Reportage aus unseren
Tagen [UA: 1959, Graz]. Typoskript: Wien, München: Sessler. [Das Typoskript bezeichnet den
Titel als „Arbeitstitel“ und nennt die Wiener Verlagsanstalt (Böhme & Co.).]
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260 7 Das Gespenst des Nationalsozialismus im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918