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politischen Zustände, gegen die sie angekämpft haben, immer noch herrschen.
Michael, einer der Untoten, der von den Nazis ermordet wurde, erzählt von einem
Freund, der nach ihm auf ganz ähnliche Weise getötet wird:
Für mich ist es schon aus. Aber mein Freund Alexander Kowalski erlebt jetzt den-
selben Morgen. Er fährt über dieselbe Straße, die zum Hinrichtungsplatz führt,
sieht denselben Garten, denselben Leiterwagen mit dem mageren Pferd und den-
selben Bauern mit dem struppigen Schnurrbart. Ihn beschäftigen auch dieselben
Gedanken. Es ist genau das gleiche wie damals, es sind nur andere Soldaten, die
ihn auf dem letzten Weg begleiten. Die meinen hatten Stahlhelme auf, die seinen
tragen Pelzmützen. (VB 116)
Diese Passage stellt wiederum deutlich eine Parallele her, die zwei beinahe iden-
tische Situationen zeigt, die nur durch die Merkmale der Soldaten – Stahlhelm
für die nationalsozialistischen und Pelzmütze für die sowjetischen – unterschie-
den sind, wobei die Zuordnung dieser Merkmale zu konkreten politischen Regi-
men den Lesenden überlassen bleibt. Otto Basil, der diesen Text Dors rezensiert
hat, weist genau auf den Punkt des Wiedergängertums des Vergangenen hin:
„Aber die Welt, für die er [Dor] gekämpft hat, ist nicht auferstanden. Was auf-
erstanden ist, hat eine verfluchte Ähnlichkeit mit dem, was abtreten mußte.“29
Intertextuelle und historische Parallelen zwischen Nationalsozialismus und
dem Gegner im Kalten Krieg
Das Horst-Wessel-Lied als Intertext der DDR-Literatur
Eine Parallelstruktur, die nicht innerhalb des Textes aufzufinden ist, sondern die
Kenntnis intertextueller Bezüge erfordert, findet sich in Robert Neumanns Par-
odie Auf andere Art so stramme Richtung. Nach Johannes R. Becher (1955). Die
Parodie nimmt Bezug auf das 1951 veröffentlichte „Tagebuch 1950“ von Johan-
nes R. Becher mit dem Titel Auf andere Art so große Hoffnung. Neumann paro-
diert den Lyriker und DDR-Kulturminister Becher, der gerade an einer Gesamt-
ausgabe seiner Gedichte arbeitet, was ihn vor das Problem stellt, dass frühe
Texte, die noch Charakteristika des Expressionismus tragen, nunmehr dem vom
kalen Tendenzen im Kalten Krieg anschreibt. Vgl. Kriegleder: Die Literatur der fünfziger Jah-
re in Österreich – ein Überblick, S. 47 und Barbara Wiedemann: „‚österreichisch‘ im besten
Sinn“? Literatur im ersten Jahrgang des Wiener Forvm. In: treibhas. Jahrbuch für die Lite-
ratur der fünfziger Jahre 10 (2014): Österreich, S. 69–93, hier S. 81.
29 O[tto]. B[asil].: „Der vergessene Bahnhof“. In: Neues Österreich, 16.10.1948, S. 5.
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262 7 Das Gespenst des Nationalsozialismus im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918