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Krieg (1926) als „peinliches Zeugnis einer längst vergangenen Schaffensphase“33
radikal distanziert, wofür er vom kommunistischen Literaturkritiker Georg
Lukács 1941 reichlich Lob erntete.34
Analog dazu sieht sich auch die Figur Becher in der Parodie dazu genötigt,
ihr expressionistisches Gedicht umzuschreiben. Die kritische Spitze des Textes
zeigt sich darin, dass Becher sein Gedicht auch unter den Nationalsozialisten
schon allein der expressionistischen Elemente wegen umschreiben oder ver-
heimlichen hätte müssen. Darauf verweist die Wortneuschöpfung „asphaltenst“
in der letzten Zeile, die auf die Verfemung der expressionistischen, aber auch
neusachlichen Literatur als „Asphaltliteratur“35 innerhalb der nationalsozialis-
tischen Kulturpolitik verweist. Den formalen Parallelen entsprechen also jene
auf der diskursiven Ebene, die sich den Zeitgenossen mitteilten. Interessant ist
freilich, wie die Becher-Figur der Parodie ihr Frühwerk den politischen Umstän-
den der 1950er-Jahre anpasst:
Der Friede hoch! Die Reihen fest geschlosselt.
Die Efdejott marschiert, blau bis ins Herz.
Der Friede, den Wallstreet und Bonn erdrosselt,
Marschfried im Friedensgeiste friedenwärts.36
Diese Version nähert sich dem Horst-Wessel-Lied noch stärker an als die frühe-
re. Die lexikalischen Entsprechungen (hoch, Reihen, fest, geschlossen, marschiert,
Marsch, Geist) werden zahlreicher und die syntaktische Struktur der Verse wird
genauer beibehalten. Einzelne Nomen werden häufig durch andere ersetzt: Fah-
ne – Friede, SA – Efdejott, Kam’raden – der Friede, Wallstreet – Rotfront, Reak-
tion – Bonn, im Geist – im Friedensgeiste. Die penetrante und sprachlich gro-
teske Verwendung des Morphems Frieden ist ein Seitenhieb auf die in den
1950er-Jahren allgegenwärtige Friedensrhetorik kommunistischer Parteien in
Europa.
Der fiktive Becher ist sich bewusst, dass seine neue Gedichtversion ebenfalls
Anstoß erregen könnte; nicht weil sie dem Horst-Wessel-Lied ähnlicher gewor-
den ist, sondern weil immer noch Neologismen darin vorkommen, die als Kenn-
zeichen expressionistischer Literatur gelten: „Letztes Wort der ersten Zeile viel-
33 Dieter Kliche: Objektivität der Form und ‚naturwüchsiger Realismus‘. Realistische Abbildung
bei Lukács, Becher, Brecht. In: Dieter Schlenstedt (Red.): Literarische Widerspiegelung. Geschich-
te und theoretische Dimension eines Problems. Berlin, Weimar: Aufbau 1981, S.
459–507, hier
S. 461.
34 Vgl. Ebd., S. 466 f.
35 Vgl. Thomas B. Schumann: Asphaltliteratur. 45 Aufsätze und Hinweise zu im Dritten Reich
verfemten und verfolgten Autoren [Neubearb.]. Berlin: Guhl 1983.
36 Neumann: Auf andere Art so stramme Richtung, S. 482.
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264 7 Das Gespenst des Nationalsozialismus im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918